Wolfgang Butzkamm

Quo usque tandem - Die Einsprachigkeit in der gegenwärtigen Praxis und ihre Korrektur

(Erschienen in nm 59/1, 2006, S.12-20)



 
"One child, however, shouts out: 'Mummy,
why has the emperor got no clothes on?'.
This book shouts out: 'Don't the students
have a mother tongue?'"
(Aus der Einleitung zu Deller/Rinvolucri 2002)

New avenues are opened for language teaching
which involve the active, systematic use of the
Ll. [... Rather than the Ll creeping in as a
guilt-making necessity, it can be deliberately
and systematically used in the classroom.
(Cook 2001)

 

1 Vorgeschichte

Die Zitate sind dem Beitrag vorangestellt, qua­si als Schützenhilfe. Denn es geht im Folgen­ den um nichts Geringeres als um die Korrek­tur eines grundlegenden Irrtums, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam. Er besteht darin, nicht etwa nur die damals übliche Grammatik-Übersetzungsmethode, sondern die Muttersprache generell als Lernhindernis anzusehen. Diese Ansicht herrscht im Grun­ de immer noch vor, und gehört neuerdings auch zur didactical correctness des Fremdspra­chenunterrichts an den Grundschulen. Die Praxis ist bei einer – theoretisch unaufgeklär­ ten – halbherzigen Lösung stehen geblieben, bei einer Einsprachigkeit mit gelegentlichen Abstrichen, bei denen man die Muttersprache zu Hilfe nimmt. Ausgearbeitete zweisprachi­ge Lehrtechniken wurden und werden von der mainstream-Didaktik nicht gefördert und gepflegt. Um solche Lehrtechniken aber geht es in dem hier vorliegenden Beitrag: die Revi­sion des Grundirrtums, als sei die Mutterspra­ che primär ein Störfaktor. Sie ist zwar in gewis­sem Sinne eine Hypothek (z. B. hat sich unser Ohr schon im ersten Lebensjahr auf die Klang­welt der Muttersprache eingestellt), in der Nettobilanz jedoch ist sie ein Riesenkapital, mit dem man wuchern kann: „We need to break the stranglehold of negative perceptions of the mother tongue in the classroom" (Pro­dromou 2002: 5).

Niemand fordert, bewährte einsprachige Verfahren über Bord zu werfen. Allerdings werden Lehrerinnen und Lehrer, die auch die neu­en Techniken beherrschen, zu entscheiden ha­ben, ob sie in einer gegebenen Situation eine einsprachige oder lieber eine zweisprachige Technik verwenden. Dazu müssen sie aber erst einmal zweisprachige Techniken kennen. Lei­der wurde in der Pädagogik insgesamt die Fra­ ge nach der richtigen Unterrichtsmethode „lange Zeit im Sinne des ,Entweder-Oder' be­trieben und nicht als Erweiterung des Metho­denrepertoires" (Wiechmann 2002, 12 f.).

Zur Theorie der Muttersprache als einer ,Sprachmutter` hat der Verfasser des vorliegen­den Beitrags zwei Publikationen vorgelegt (Butzkamm 2003 und 2004), die aufzeigen, dass Menschen in einem tieferen Sinne Spra­ che nur einmal im Leben lernen. In Butzkamm (2004) werden in diesem Zusammenhang ein- und zweisprachige Arbeits- und Übungsfor­ men vorgestellt. Dabei werden zwei Einsich­ten miteinander verträglich gemacht:

  • Die Muttersprache ist die Sprachmutter, die allen später zu erlernenden Sprachen den Weg bahnt.
  • Eine Sprache erlernt man nur, indem man

sie so umfassend wie möglich gebraucht. Der vorliegende Artikel geht über das bereits Publizierte hinaus; sie gibt kritische Einblicke in die bisherige Praxis. Dabei wird deutlich: Wenn die theoretischen Grundlagen nicht stimmen, dann kann man in der Praxis noch so lange „herumbasteln", es wird bestenfalls Lösungen ad hoc geben, mehr oder weniger gut funktionierende Kompromisse und unter­schiedlichste Formen schulischer Praxis; schlimmstenfalls aber wird ein völlig fehler­haftes methodisches Verfahren die Folge sein. Wenn aber die Theorie stimmt, so ist zu hof­fen, dass es über kurz oder lang anstelle des Flickwerks ausgereifte praktische Lösungen geben wird.

Empirische Grundlage sind im vorliegen­den Fall mehr als 400 Aufsätze von Studentin­ nen und Studenten, die über ihre eigene Schulzeit reflektieren, sowie etwa 100 Prakti­ kumsberichte, die Unterricht betreffen, den die Studenten beobachtet oder auch selbst er­teilt haben. Die hier abgedruckten Kurzbe­schreibungen von erlebtem - manchmal auch erlittenem - Unterricht werden nur knapp kommentiert, denn sie sprechen großenteils für sich. Wo mehrere Zitate erscheinen, be­leuchten sie jeweils unterschiedliche Aspekte eines Arguments. Alle aufgezeigten Phänome­ne sind mehrfach belegt; sie werden nur in ei­ner kleinen Auswahl präsentiert. Die studenti­ schen Aufsätze und Berichte sind in englischer Sprache abgefasst; das Englisch wurde nur korrigiert, wo dies kommunikativ erforderlich schien.

 

2 Das Sprachbad: Eintauchen

Ein halbes Jahrhundert Arbeit an einem ein­sprachigen, kommunikativen Ansatz hat uns einen Reichtum einsprachiger Arbeitsformen beschert. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben gelernt, damit geschickt umzugehen. So schei­ nen die folgenden Zitate die herrschende Theorie zu bestätigen. Die Welt ist noch in Ordnung, die Lehrer handeln „didaktisch kor­rekt":

  • From the moment onwards when she en­ tered the classroom she only spoke English with us. The first few weeks were difficult, but when I got used to it, it was quite fun. I remember that I went home and told my parents proudly that I could speak English. Using only English in the classroom worked quite well because our teacher explained words by acting in front of the dass so that everyone understood the meaning of the word. The funniest mime I remember was when she tried to act out a "monkey". To ex­ plain grammar, our English teacher used our native language for the first time. Katrin
  • Once, a pupil did not know the meaning of the word 'empty' in German and so asked for a translation. Our teacher, sitting an the pupil's desk at that very moment, took the open pencil case lying in front of him. He held it up with the words "OK, now this pencil case is full", and turning it upside down with the contents falling onto the floor and the desk, continued his sentence with "and now it is empty". The whole dass hurst out laughing and I am sure that after this demonstration none of us ever forget the meaning of 'empty' again. Anke

I took a bucket with me to introduce the word 'empty'. Therefore I filled the bucket with water and poured it out into the washbasin. (I took a bucket and not a glass, because they did not know the word `glass', but they had already learned 'bucket'.) The words `taxi' and `taxi driver' were intro­duced with help of a toy taxi. After that they had to open their books. Iris

Rührend - und doch auch irgendwie lächer­lich - diese letzte Episode. Praktikanten und Referendare fühlen sich verpflichtet, zu unter­ richten „wie das Gesetz es befiehlt": Iris will kein Glas nehmen, weil das Wort glass noch nicht eingeführt ist. Hier wird man in der Tat ganz naiv nachfragen dürfen: „Ja haben denn die Schüler keine Muttersprache?"

 

3 Das Sprachbad: Untertauchen

Allerdings überwiegen die kritischen Stim­ men gegenüber solchen Lehrerinnen und Lehrern, die mit Scheuklappen auftreten, was die Muttersprache angeht. Frustrierende Er­ lebnisse des Nichtverstehens haben sich da ins Gedächtnis eingebrannt. Diese Zeugnisse bestätigen eindrucksvoll die Ergebnisse von Schülerbefragungen unterschiedlicher Prove­ nienz (Butzkamm 2002: 46 ff., Butzkamm 2004: 105).

  • Our teacher never consented to give a Ger-man equivalent, which I really detested be­cause I always longed for clarity. Simone
  • I really hated the fact that the teacher we had in grades 7-9 refused to explain English words we didn't know in German. She just wrote the word up on the board, but only a few pupils understood her English explana­tions. Even when we asked her nicely if she could give us the German equivalent she be­ came angry. But I'd better stop talking about her, as it makes me angry. Sonja
  • He very often demanded silence with the word (as I grasped it): [pikwait]. To me this was one word and I was absolutely proud when some day I learned the word 'quiet' and when I discovered its equivalence to the demand for silence. Although I had sensed what Herr [...] meant to say I could then correct the pronunciation in my mind because I had identified the isolated words. Vanessa

Mrs. [...] tried to explain the meaning of 'tall' and `small' to us, by having a little girl standing next to a huge boy. We all had no clue what she wanted from us. She repeated "Henrik is taller than Carina. And Carina is smaller than Henrik." In addition to this she waved about with her hands. These actions confused us even more. Corinna

  • When someone dared to ask for an equiva­lent, he/she was reprimanded for not pay­ ing attention. He strictly rejected the use of the mother tongue, we were forbidden to use it; if we did anyway, we had to do some extra homework. After all, he explained, we had chosen to go to an institution which was called a 'Gymnasium'. The frustration was not that we had to work harder com­pared to the previous teacher, but there was never a relaxed atmosphere in his class­room. Nicole

Wer methodisch ohne jede Kompromiss­ bereitschaft ist, schafft eine ungute Atmo­sphäre, die Lernen erschwert, statt es zu erleichtern. Es ist ja nicht die reine Fremdspra­chigkeit als solche, die es durchzusetzen gilt, sondern die Verwendung der Fremdsprache als allgemeines Verständigungsmittel in der Klasse.

 

4 Ungewollte Nebenwirkungen der Einsprachigkeit

In der Mittelstufe wird das Vokabular zuneh­mend abstrakter. Die Prinzipienreiterei man­cher Kolleginnen und Kollegen bei der ein­ sprachigen Erklärung von Einzelvokabeln mag ihre belustigenden Seiten haben, kostet aber Zeit. Typisch auch, wie ein Lehrer „unter Beobachtung" genau diesen Unsinn macht, auf den er sonst aus guten Gründen verzich­ten würde.

The direct method was adequate at the be­ ginning, but I remember that I had Prob­lems with it at a later and more intellectual stage. I still remember a lesson where our teacher explained the meaning of `to get used to'. Although he normally had always switched from English to German he only used the foreign language on this special occasion because his lesson was being watched by our headmaster - an experi­enced English teacher. Mr. [...] paraphrased the term in all possible variations, but after he had explained it the second time I still did not know the correct meaning. It would have been better to stop this long process by a short German intervention because then the teacher could have been sure that everyone really understood the meaning. Cornelia

  • He tried to teach us by means of the direct method. I say he only "tried to" because it did not work. This became obvious when­ever he tried to explain new words, especial­ly adjectives which described emotions or someone's character. As certain emotions are difficult to describe, we often had only a slight hint of what he could mean and still could not grasp the real meaning of the word. Bettina

Aber es gibt weitaus Schlimmeres als die Zeit­verschwendung durch Herumraten. Eine „be­deutende Minderheit" von Lehrern habe „ein gestörtes Verhältnis" zur Fremdsprache, urtei­ len Gert Solmecke und Alwin Boosch (1981: 164 ff.) auf der Grundlage einer empirischen Studie. Die unkontrollierte Verwendung der Muttersprache sei wohl eher die Regel als die Ausnahme. Die Autoren können ihren Befund mit sprechenden Unterrichtszitaten unter­malen, die jedem Kenner der Szene nur allzu bekannt vorkommen werden.

Warum tun denn diese Lehrerinnen und Lehrer nicht, was man ihnen in der Ausbil­dung verbal vermittelt und demonstriert hat und was die Richtlinien von ihnen verlangen? Gewiss, da gibt es solche, die schlicht die Ziel­sprache nicht gut genug können, um eine an­regende fremdsprachliche Unterrichtsatmo­sphäre zu gestalten. Gerade diese Vermutung sprechen die Studenten in ihren Erinnerun­gen des öfteren aus, womit sie zugleich auch die mangelnde sprachpraktische Ausbildung an den Hochschulen anprangern.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt noch eine weitere Erklärung: Die falsche, den Lehrern abgeforderte Einsprachigkeit bringt viele - unnötigerweise - in eine schwie­rige Lage. Man verlangt von der Lehrerschaft mit Recht, die Fremdsprache als Verkehrsspra­che des Unterrichts durchzusetzen. Man ver­weigert den Lehrern aber zugleich die zwei­sprachigen Techniken, mit denen dies gut gelingen kann. Sie reagieren auf diese schwie­rige Situation mit zwei Fehlhaltungen. Die ei­nen beschränken sich auf die Lehrbucharbeit mit den üblichen Übungsanweisungen, die anderen aber kommunizieren ungehemmt -leider nur auf Deutsch:

He practised the direct method in an ortho­dox form. That meant from the very begin ning our mother tongue was excluded [...] we did not have the possibility of talking

about real interests, but about those things we had learned before. We did not ask real

questions to get real answers, we just imi­ tated the phrases we learnt from the teacher or from the textbook. Dagmar

Alles wirklich Interessante, Aktuelle, Tagespo­litische und Persönliche, irgendwie aus dem Rahmen Fallende, das nicht zum sauber ge­stuften Lehrstoff gehört, wird ausgeblendet. Gelobt wird nur in Routineformeln, und nicht etwa auf eine besondere Schülerleistung hin: „That was well read. You've made the pauses at the right places", usw. Wird aber auf Deutsch kommuniziert, so kommt dies einem Offenba­rungseid gleich: Die Fremdsprachigkeit des Unterrichts (oder eines Unterrichtsabschnitts) ist dahin. Der Kollaps des fremdsprachlichen Unterrichts, den nun wirklich niemand wol­ len kann, gehört nach den Unterlagen des Ver­fassers durchaus zum Unterrichtsalltag unse­ rer Schulen. Wie sehr müssen dann die tüchtigen und gewissenhaften Kolleginnen und Kollegen ackern, die solche sprachlich ab­gewirtschafteten Klassen übernehmen!

Die folgenden exemplarischen Studenten-Zitate schildern in diesem Zusammenhang skandalöse Zustände, und ihre Verfasser, die ja selbst einmal Lehrer werden wollen, neh­men kein Blatt vor den Mund:

  • He only spoke English with his pupils when we worked with our English books lying in front of us. Vlado
  • Since the pupils' English was so poor, Mrs [...] made almost no use of it, and the pre­dominant language during the lessons was German: a vicious circle. Claudia
  • One really wonders how one can be so naive as to think kids are enabled to speak a foreign language if the teachers themselves don't use it. Börje
  • The one unforgivable mistake our English teacher made, no matter how nice she was, was that she never spoke English in dass. I can hardly remember her speaking a single English sentence in dass. She used German to explain the English grammar, she spoke German when we had a discussion about an English topic and she used German for organising the dass. English was never a means of communication until we got a new English teacher. Sonja
  • In my first four years at the Realschule, Eng­ lish was never taught as a means of com­munication, because the whole lesson was conducted in German. Most of the time there was a dull mood because we always proceeded in the same way. Only later, with a different teacher, English was no longer [just] a language you were drilled in to pro­duce the sentences required, but a medium in which you could express your thoughts and feelings. Michael
  • One thing was quite unacceptable about our lessons. That was the little amount of contact with the foreign language most pu­pils had during a lesson. We hardly ever got the chance to say something in dass, let alone the opportunity to express our views or needs independently. Christina

Wenn es ernst wird, wird deutsch gesprochen. Solche Unarten unterlaufen jedem einmal, anderen werden sie jedoch zur Gewohnheit:

  • For instance, with regard to a forthcoming carnival-party: "Habt ihr alle eure Kostüme fertig?" This was followed by a short discus­sion in German between the teacher and the pupils about a dance and Song they wanted to perform on that day. There was a lesson which was interrupted by a late-comer. The teacher who was just doing a grammatical exercise immediately switched over from English to German by asking the pupil: "Weshalb kommst du zu spät? Hast du mir eine Entschuldigung mitgebracht?" The pu­pil answered in German that he had missed the bus. Sabine

Derlei kritische Beobachtungen lassen sich nicht mit dem gerne genutzten beschwichti­genden Schema weg interpretieren: „Im All­gemeinen hat die von mir empfohlene Maß­nahme ,Einsprachigkeit` positive Effekte. Nur unter ganz bestimmten Umständen hat sie lei­ der auch negative" (vgl. dazu Dörner 1998). Da sollte nichts verschwiegen oder beschönigt werden: Der muttersprachliche Wildwuchs in unserem Fremdsprachenunterricht ist - auch - die Quittung für Idie über Jahrzehnte zum Dogma erhobene Einsprachigkeit.

 

5 Schüler helfen sich selbst, und die Eltern helfen mit

 Für die Anfänger in der Fremdsprache ist die einsprachige Textdarbietung mit unbekann ten Ausdrücken ohnehin nur äußerlich ein­sprachig, da die Schüler ihr von der Mutter­ sprache geknüpftes Bedeutungsnetz aktivie­ ren müssen, wenn sie verstehen wollen. Dies ist aus dem Unterricht längst bekannt, ja die stille Präsenz der Muttersprache im Verste­hensakt - übrigens keineswegs nur bei Anfän­gern - war auch schon von einer älteren Asso­ziationspsychologie belegt worden (etwa: Butzkamm 1978: 27 ff., 49, 177); sie ist inzwi­schen von der modernen Hirnforschung ein­ drucksvoll bestätigt. (Vgl. dazu den Hinweis auf die Experimente von Anne Cutler bei Butzkamm 2004: 159). Darüber hinaus ist die Einsprachigkeit des Unterrichts oft nur eine verkappte Zweisprachigkeit, da die Schüler sich selbst helfen - zweisprachig. Wer mutter­sprachliche Klärungen an der falschen Stelle zurückhält, schadet somit besonders den Lernschwachen und solchen, die sich zu Hau­se keine Hilfe holen können. Er verstärkt so­ziale Ungleichheit.

  • She insisted on explaining new vocabulary in English only and we weren't allowed to look up the German meaning in our books or to open our books while listening to a new dialogue. I remember that I found this very irritating and often didn't get the cor­rect meaning. Everyone looked up the new words in the vocab-index after the lesson was over. Nicole
  • I always wanted to understand everything in dass and read the new textbook stories before they were actually presented in dass. I tried to learn the vocabulary in advance and even had a glance at the new grammar that was to come up in each unit. Martina

Before a test I asked my mother to check whether I really knew the vocabulary of the particular textbook unit. [...] She said the English words and I gave her the German meaning. Next she said the German words and I wrote down the English equivalents. When my mother had no time I covered Bi­ther the English or the German words in the vocab index, which was in three columns: the first for the English word, the second for its English explanation, and the third for its German equivalent. Unfortunately the lat­ter was blank in most cases and even if I un­ derstood the English explanation I some­times had problems in finding the suitable German word or was unsure. Only after I had found it, was I able to learn and revise

the vocab in a few minutes. Sandra Gewissenhafte Schülerinnen und Schüler be­reiten also nach. Warum sehen es die Lehrer nicht gerne, wenn sie auch selbstständig vor­arbeiten?

  • Once Ms [...] got very angry when she found out that one of the good pupils of 6a had already prepared the exercises and a new text before they were dealt with in dass. She told the girl not to do so again. Later Ms [...] explained to me that this would disturb her work. In my opinion, however, the girl had shown that she was interested in English and should have been praised. Carolin

 

6 Die Muttersprache als Kommunikationshelfer

Was alle Lehrerinnen und Lehrer anstreben, nämlich die dichte fremdsprachige Unter­richtsatmosphäre und viel echte Kommuni­kation, ist auf sichere und elegante Weise erreichbar durch das unauffällige Einfließen- lassen der Muttersprache. Dies ist vielleicht ein Paradox, dennoch aber einfach zu begrei­fen. Manche Lehrkräfte können das sehr ge­schickt - auch wenn es keineswegs üblich ist, die Lehrer in ihrer Ausbildung mit solchen Ar­beitsweisen vertraut zu machen. Die Lehrer werden rückblickend gelobt, weil sie behut­sam und dort, wo dies angezeigt erscheint, im­ mer wieder die Muttersprache ins Spiel brin­gen und dennoch die Fremdsprache als Unterrichtssprache etablieren. Unser erstes Beispiel zeigt sehr schön die Sandwich-Tech­ nik: Die Übersetzung wird gegeben, danach der fremdsprachliche Ausdruck wiederholt:

  • In the beginning he made use of the mother ­tongue, but aiming to reduce its use in due course. We went right into action, with sim­ple sentences illustrated by funny pictures:

T:   What's in the pan?
SS: The fat is in the pan.
T:   Good. All together. Alle zusammen. All together. The fat is in the pan.
SS: The fat is in the pan.

This went on for hours in a vivid way and at a fast pace, with many variations. Ursula

  • If she used words which were unknown to the pupils in a discussion, she simply slipped in the German equivalent and con­tinued talking. Barbara
  • Unconsciously, I might have recognized - already as a beginner - that German and English 'have a lot in common', or, in more academic terms, that they belong to the same language family. Accordingly, I always profited from systematic resemblances in syntax and especially the lexicon. There­ fore, it was always a big advantage for me (and my dassmates), when the teacher him­self took our mother tongue to illustrate cer­tain grammatical or lexical irregularities between English and German. Christian
  • She always started the lesson by asking us what we had done during the week or what we were going to do next weekend. These openings functioned as an icebreaker and were welcome occasions for putting the new language to use. She gave us suitable translations for the expressions we needed so that we could finish our sentences and say what we really wanted to say. Every new expression was noted down on the board and enlarged our Italian vocabulary. Silke

Gerade bei hitzigen Diskussionen sollen die Lernenden Muttersprachliches einstreuen dürfen. Alles kommt dann darauf an, dass der Lehrer aushelfen und denen, die da debattieren, die fehlenden Ausdrücke zuspielen kann.

  • We were allowed to use the mother tongue to express our arguments when necessary. She did not interrupt us when we were talk­ing and helped us if we faltered and told us the missing words. This broke the barrier in our heads which had been built up by the fear of making mistakes. Petra

 

7 Die Muttersprache als Grammatikhelfer

Die Nachbildung der fremden Struktur in der Muttersprache (,Interlinear-Version') ist 2000 Jahre lang im europäischen Fremdsprachen­unterricht eine zentrale Lehrtechnik gewesen; sie ist in unseren Schulen heute so gut wie un­bekannt - zum Schaden der Schüler. In den Studenten-Aufsätzen gibt es daher auch nur ganz wenige Hinweise darauf.

He gave us a word-for-word mother-tongue translation of the question "Qu'est-ce que c'est?" which really helped me never to forget this expression: "Was ist es, das es ist?" Karin

  • I translated these utterances into the corres­ponding German form and the structure be­came more obvious and therefore easier to use. No llego tarde = Nicht komme-ich spät. No tengo tiempo = Nicht habe-ich Zeit. No queda nada = Nicht bleibt-übrig nichts. Birgit
  • There was one major technique which help­ ed me to overcome grammatical problems. It was mirroring the English sentence structure in German. Structures like "I want you to write an essay" suddenly became transparent when I translated them word by word. I did that intuitively rather than con­sciously. Christina

Ein Beispiel aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache: Dem englischsprachigen Tou­risten mag es ja genügen, wenn er weiß, dass man sich mit „Wie spät ist es?" nach der Uhr­zeit erkundigt. Der Sprachlerner sollte darüber hinaus aber wissen, was da genau gesagt wird: How Tate is it? That's the literal meaning of the German phrase. Erst wenn er mit Hilfe dieser Spiegelung das Wort „spät" aus dieser für ihn wohl ungewöhnlichen Formel herauslösen kann, kann er Neues riskieren wie etwa, „zu spät" oder „spätes Glück" oder eben auch „Wie groß ist das?" usw. Jetzt kann er den Satz­ generator ankurbeln. Ein anderes Beispiel: Wer Türkisch lernt, wird sich nicht damit be­gnügen, dass er erfährt, dass „Ich habe Hun­ ger" „karnim ac" heißt. Um selbstständig Neu­es sagen zu können – die Quintessenz beim Sprachenlernen – muss er wissen: Der Türke sagt wörtlich Bauch-mein hungrig. Dem deut­schen Anfänger gibt der türkische Ausdruck selbst keine Anhaltspunkte, das heißt aber, es muss ihm gezeigt werden, was die Türken da genau sagen, wie sie hier ihre Sätze bauen. Dazu braucht man keine grammatische Ter­ minologie, man benutze schlicht die wörtli­che Übersetzung. Gerade analytisch weniger begabte Kinder werden dafür dankbar sein:

I have taken an a tutoring job in a day-home for school children. My task is to help them with their homework. Most of the children attend a secondary modern school (Haupt­ schule). Others have learning disabilities and attend a special school. Soon I noticed that they did not understand a word of the exercises they had to do. And the reason was that they did not have a clue about the sen­ tence structure. So I tried to apply the mirroring technique and I could see the first spark of success. The progress they make is minute. But they do make progress! Chris­ tina

Einzelsätze zum Übersetzen und Einüben der Grammatik sind aus unseren Lehrbüchern verschwunden. War das voreilig? Hätte man diese Übungsform verbessern können, statt ganz auf sie zu verzichten?

  • He was convinced that the traditional gram­mar exercises, such as filling gaps, were too easy. That's why he gave us German senten­ces which we had to translate into English. These translation exercises were much more difficult, and his opinion was that if we had a real command of the grammatical Prob­lem of the English language in general, we should in fact be able to cope with the trans­lations. At the beginning I found these exer­ cises quite difficult but they really helped me to improve my competence. That way I became much more aware of what the grammatical structures which I always used really meant. I only had a vague idea of how to translate the structures I had learned into German, but after I had gained some experi­ence in translation I fett much more self­ confident in using the foreign language. Denise

 

8 Die Muttersprache als Lektürehelfer

Beliebt bei den Schülern sind auch Texte, die Deutsch und Englisch auf interessante Weise mischen, so die Jugend-Lektüren von O'Sulli­van/Rösler und die Doosie-Texte von Werner Lansburgh, die eher für solche Erwachsene ge­schrieben wurden, die ihr Englisch verfeinern wollen. Auch als Übergang zu rein fremd­sprachlichen Lektüren und Filmen sehen sich einige Schülerinnen und Schüler erst einen Film auf Deutsch an, und danach das Original.

  • At 15, my godmother gave me Werner Lansburgh's Holidays for Doosie – eine Reise durch Europa oder Englisch mit Liebe. It is a kind of bilingual text, and it is great fun to read it as it is so simple and diverting and one learns so much without being aware of it. Bernadette

When I was younger I had to watch the German movie first, because I would not have understood the English film on a first try. Buying two videos was really an expensive hobby, but nowadays DVDs with multiple languages and additional subtitles give everybody the opportunity to brush up their English even while being entertained. Andreas

 

9 Später einsetzende Fremdsprachen

Der Beitrag begann mit positiven Schilderun­gen einsprachiger Worterklärungen aus dem englischen Anfangsunterricht. Solche positi­ven Beispiele sucht man aber für den später einsetzenden Französischunterricht vergeb­lich. Das ist wahrscheinlich so, weil ältere Schülerinnen und Schüler das Verfahren schon kennen und es — zumal wenn es in ,kindgemäßem' Gewande auftritt — nicht mehr so lustig finden.

  • I was really looking forward to my first les­ son in French. The teacher wanted to teach French in French and refused to speak a single German word. She had brought a big picture and placed it in front of the dass, pointed at the people on it and said: "Voilä Philippe", "Voilä Christine". I did not un­derstand what "voilä" meant and therefore asked my neighbour who was not Bure Bi­ther but guessed it meant something like "Here is Philippe". I do not know why but I was not content with this explanation. I did not believe that one word, "voilä" could mean 'here is'. I had the fixed idea that the verb was missing. At the end of the lesson I was still in doubt and asked my friend who had learned French as a second foreign language. She had a dictionary and we looked the word up. Only when I saw the German equivalent did I believe it. Why did the teacher not give it to us! Claudia

In the ninth grade I chose French in addition to Latin and English. Because our teacher was French, the lessons were monolingual without any exception. That was surely the reason why we had difficulties with the language from the very beginning. There were so many misunderstandings and trans­ lation mistakes which were not cleared up or corrected. We never got a real knowledge of French and we never felt 'at home' in the language. In the end our French was so faulty that we could not talk in French correctly, and we could not fill in the gaps, even with great effort it would have been impossible. After two years of torment 80% of us gave up the French course, including me and thank God that I have not had to talk French any more since then, because the only sentence I am able to say today is: "Je ne parle pas frafflis." Sonja

Im Folgenden macht eine Studierende auf ei­nen weiteren Punkt aufmerksam (viele Stu­ denten äußern sich im gleichen Sinne): Die rein mündliche Texteinführung ohne Mithil­fe des Schriftbilds verschärft die Verstehens­schwierigkeiten und muss in bestimmten Kontexten ebenso als methodischer Kunstfeh­ler gelten wie der Verzicht auf die Mithilfe der Muttersprache.

  • She just gave us a French definition of the new word or made a drawing. But she never gave us the German translation and never gave away the spelling. We got very con­fused and impatient whenever a new word occurred. First, we conferred with our neighbour what the new word could mean. But the uncertainty became nearly unbear­able and we got angry because she left us alone with our unconfirmed suppositions. We weren't allowed to open our books, and sometimes we had to wait until the bell rang before we could look up the new word. Gabriela

Wer neben seiner Muttersprache schon zwei Fremdsprachen wie Englisch und Französisch gelernt hat, kann eine weitere romanische Sprache leicht hinzu lernen. Einer der Studie­renden hat seine eigene „Naturmethode" ge­funden. Sie ist ,bilingual`:

The most effective learning technique was asking my girl-friend in German about what she had said in Spanish directly after I had heard her sentence. Then I tried to repeat the Spanish sentence. If I was not successful she repeated the sentence again and again until I reproduced it correctly. Using this method I learned very fast. Of course we only talked about topics which were of interest to us. We talked about sports, poli­tics, friends, holidays or music. So I never opened a textbook, vocabulary-book, or grammar-book to learn Spanish. You do not need these classical tools to learn a foreign language. You need your mother tongue, someone who can speak the language you want to learn, you need time and, perhaps, some linguistic talent. Guido

 

10 „Exotische" Sprachen

Bei unseren Schulfremdsprachen handelt es sich fast immer um eng verwandte Sprachen aus dem europäischen Kulturraum. Viele Wörter erkennen wir auf Anhieb, allerdings eher vom Schriftbild als von der Lautung her. Darüber hinaus sind uns Sitten und Gebräu­che, Lebensstile und Denkweisen vertraut und lassen uns ahnen, worum es geht. Hätten wir es mit entfernteren Sprachen zu tun, wäre die Unhaltbarkeit der absoluten Einsprachigkeit schon bald deutlich geworden, ja das Prinzip hätte es gar nicht erst gegeben. Zu absurd wäre es gewesen, Japanisch oder eine Sprache aus dem Amazonasgebiet unter Ausschluss der Muttersprache zu lernen. Die Muttersprache wäre als das erkannt worden, was sie in der Tat ist: der eigentliche Schlüssel zum Erlernen al­ler anderen Sprachen.

  • I taught German to Turkish women who even brought their children and Babies in- to the classroom. I had to stand in for a friend of mine and found it quite problem­ atic to improve the women's rudimentary knowledge of German without being able to give explanations in their mother tongue. It was very time-consuming and the better learners gave the weaker ones the Turkish explanations. Some of them did not under­ stand me when I only asked them to fill in the gaps in a text. Marion
  • A strategy I had chosen myself to learn a dif­ficult structure was to compare it to Korean and then memorize a very simple sentence for illustration, for instance: "What a good boy you are", where English word order is quite different from Korean. Hee Shin

 

11 Keine unklaren Kompromisse!

Niemand sollte meinen, man könne eine so komplexe Sache wie den Unterricht aus einem Punkt heraus kurieren. Aber es macht schon etwas aus, wenn man Lehrer und Schüler in den richtigen Gebrauch ihres stärksten Hilfs mittels einweist, statt es ihnen vorzuenthal­ten. Die Fachwelt hat sich auch noch nicht klar gemacht, welch ein erheblicher Verstär­ker sozialer Ungleichheit die behördlich ver­ordnete Einsprachigkeit ist. Falsche, nicht gehirngerechte Methoden treffen die Lern­ schwachen immer zuerst. Die Muttersprache ist der mächtigste Verbündete des Kindes, das sich in der Schule Kenntnisse und Fertigkeiten für das Leben aneignen soll: Die meisten Fremdsprachenlehrer müssen sich diese Sicht­weise noch erarbeiten. Da genügen keine flin­ken Retuschen. Am Ende müssen in allen Bundesländern die Richtlinien für Fremdspra­chen und mit ihnen die Lehrwerke umge­schrieben werden: Diesmal lohnt es sich wirk­ lich. Es wäre ein wahrer Befreiungsakt, der alle Lernenden und auch ihre Lehrerinnen und Lehrer — auch die schon erfolgreichen — zu hö­heren Leistungen führen würde.

 

 

Bibliographie

Butzkamm, W.: Aufgeklärte Einsprachigkeit. Zur Entdogmatisierung der Methode im Fremdspra­chenunterricht. Heidelberg 21978.

Butzkamm, W.: Psycholinguistik des Fremdspra­ chenunterrichts. Natürliche Künstlichkeit: Von der Muttersprache zur Fremdsprache. Tübingen 32002.

Butzkamm, W.: „We Only Learn Language Once. The role of the mother tongue in FL class­ rooms: death of a dogma." Language Leaming Journal 28 (2003): 4-14.

Butzkamm, W.: Lust zum Lehren, Lust zum Lernen. Eine neue Methodik für den Fremdsprachenunter­richt. Tübingen 2004.

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