Wolfgang Butzkamm (2000)

Sprechen sie Deutsch im Deutschunterricht!

Der Unterricht: eine eigene Sprachwelt


Morgen fällt die Deutschstunde leider aus, weil ich an einer Fortbildungstagung teilnehme.
Oh, die Projektorbirne ist durchgebrannt. Haben wir vielleicht irgendwo eine Ersatzbirne?
Ich meine das vorletzte Wort in der dritten Zeile von unten.

Wer im Ausland den Deutschunterricht einheimischer Lehrer besucht, wird nach meinen Erfahrungen solche Sätze selten hören. Wenn ein Problem dieser Art auftaucht, wird es meist nicht in der Fremdsprache ausgehandelt.
Deutsch wird erst gesprochen, wenn die Bücher aufgeschlagen werden. Dabei ist klar: effektiver Fremdsprachenunterricht zeichnet sich dadurch aus, daß nicht nur die Lehrbucharbeit immer wieder in "echte" Kommunikation einmündet, sondern gerade auch alles "Drum und Dran" des Unterrichts fremdsprachlich geregelt wird.
Denn was ist "echte" Kommunikation? Wir meinen damit mitteilungsbezogene Kommunikation im Gegensatz zur sprachbezogenen, bei der die Inhalte nur Vorwand dafür sind, sich sprachlich zu üben. Dann etwa, wenn man nachspricht, Sätze umformt, Wörter in Lücken füllt. Oder wenn der Lehrer eine Frage stellt, nicht weil ihm etwas fragwürdig erscheint, sondern um dem Schüler eine Formulierungsaufgabe zu stellen. So notwendig dies alles ist: Unterricht darf sich nicht darin erschöpfen. Nicht erst draußen, im "wirklichen Leben", gilt es, die fremde Sprache als vielseitiges Instrument für nicht-sprachliche Bedürfnisse zu erfahren. Erst wenn wir auch unsere Alltagsprobleme in und mit ihr meistern, wird die fremde Sprache zu einem vollgültigen Kommunikationsmittel.
Die Schule selbst ist Teil dieses Alltags und der Deutschkurs ein Stück "wirkliches Leben", das organisiert werden muß. Da gibt es immer etwas zu regeln. Da sitzen lebendige Menschen, nicht nur die bloßen "Adressaten" einer Lehre, Menschen mit vielen großen und kleinen Problemen, die in den Unterricht mit hineinspielen können. "Echte" Redeanlässe brauchen nicht erst künstlich inszeniert zu werden. Fremdsprachenunterricht muß kein bloßes "Vorratslernen" sein. Nicht: learn now, use later. Sondern: learn as you use, use as you learn.
Es ist demnach der falsche Weg, alles Organisatorische und die vielen kleinen Zwischenfälle, die es sonst noch gibt, in der Muttersprache zu regeln und erst dann die Fremdsprache zu verwenden, wenn man sich sicher hinter seinem Lehrbuch verschanzen kann.

Eine deutsche Unterrichtsatmosphäre

Dieses Buch stellt zunächst den unterrichtlichen Funktionswortschatz (classroom phrases) im engeren Sinne dar, die verbalen Mittel für die ständig wiederkehrenden Redeanlässe. Diese Standardsituationen umfassen nun weit mehr als ein paar Routineformeln, wenn man einmal ins Detail geht, etwa bei der Ausspracheschulung oder beim Einstudieren von Liedern. Die Tücke steckt ja bekanntlich immer im Detail.
Darüber hinaus muß die Unterrichtssprache heute, da sich das Medien- und Methodenrepertoire erweitert hat, einen weiteren Kreis ziehen und Situationen einschließen wie etwa den Umgang mit dem Tageslichtprojektor, den Wechsel vom Klassenplenum (Frontalunterricht) zu Kleingruppen, die Organisation von Lernspielen. Vielleicht ist dies Buch für manchen eine Anregung, sein Methodeninventar etwa im Hinblick auf Lernspiele zu erweitern. Vieles gehört zur Umgangssprache, anderes könnte man als eine besondere Fachsprache ansehen, die sich auch derjenige, der über hervorragende allgemeine Deutschkenntnisse verfügt, extra aneignen muß.
Eine britische Studie ergab, daß im Durchschnitt nur zwischen 65% und 85% der Unterrichtszeit für den "eigentlichen Lehrstoff" genutzt, während die übrige Zeit auf Organisatorisches, Disziplinarisches usw. verwendet wird. Soviel Zeitverschwendung, könnte man meinen. Das braucht nicht für den Fremdsprachenunterricht zu gelten. Denn wem es gelingt, all dies fremdsprachlich zu bewältigen, der hat die Schlacht praktisch schon gewonnen. Viel wichtiger nämlich, als noch eine weitere Übung anzuhängen, ist für die Schüler die Erfahrung, daß die Fremdsprache auch dazu taugt, die täglich anfallenden Zwischenfälle des Lebens zu meistern. Dann entsteht das, was die Methodiker eine "fremdsprachige Unterrichtsatmosphäre" nennen.

Die Muttersprache als Bündnispartner

Dies ist aber nicht zu schaffen, wenn man auf die Mithilfe der Muttersprache verzichtet. Also mehr Fremdsprachigkeit durch gezielte Mithilfe der Muttersprache! Wie ist dieses Paradox zu verstehen?
"Wie kann man denn nach ein paar Wochen oder Monaten Deutsch organisatorische oder mitmenschliche Probleme fremdsprachlich klären? Die Schüler müssen mich doch hier unbedingt verstehen, wenn ich etwa ankündige, daß morgen der Unterricht ausfällt!" Stimmt. Wer das z. B. nicht versteht, für den hat das praktische Konsequenzen. Gerade darum ist es motivationspsychologisch wichtig, hier die Fremdsprache zu verwenden. Aber wir können das Problem meist lösen, wenn wir die Muttersprache (im Beispiel Englisch) - sparsam dosiert - in die fremdsprachliche Mitteilung einfließen lassen, z.B.:

L: Morgen ist kein Deutsch. Morgen gibt es keine Deutschstunde. Keine Deutschstunde (verneinende Geste!) heißt: die Deutschstunde "fällt aus". The German class is cancelled. Ich bin nicht da. Ich gehe auf eine Fortbildungstagung. "Fortbildungstagung" heißt: in-service training course. Also wo bin ich? Ist morgen Deutschunterricht oder nicht?

Man kann noch zusätzlich die deutsche Ausdrucksweise durch wörtliche Übersetzung verdeutlichen:

L: Die Deutschen sagen es anders als im Englischen, nämlich: der Unterricht "falls out", fällt aus.

Dieser kleine Trick macht dem Ausländer die deutsche Wendung sehr anschaulich und trägt somit dazu bei, sie im Gedächtnis zu verankern.
Also bei der ersten Begegnung kurz und schmerzlos den muttersprachlichen Ausdruck einfügen! Ähnlich dürften sich viele Verstehensprobleme auf Anhieb lösen lassen. Wenn man will, kann man die neuen Ausdrücke noch anschreiben und - vielleicht jede Woche einmal - sammeln und in ein Merkheft eintragen lassen. Schließlich könnten diese Wendungen wichtiger sein als manches Wort, das das Lehrbuch anbietet und das damit quasi offiziell zum Pensum gehört.
Die Muttersprache wird so zum natürlichen Bündnispartner des Lehrers, der die fremdsprachliche Verständigung fördert statt sie zu verhindern. Sie ist nicht der bequeme Ausweg, auch nicht die Feuerwehr, die man nur ruft, wenn’s brennt, sondern ein probates Mittel, das man bewußt und gezielt einplant, um in der Fremdsprache voranzukommen. Sie darf die Fremdsprache nicht verdrängen, sondern wird im Gegenteil gebraucht, um diese fest zu etablieren.

Grammatische Vorwegnahmen

Wir empfehlen, von vornherein Ausdrücke zu verwenden (und diese dann auch dem Schüler nahezulegen) wie "Ich hätte gern eine genauere Antwort" oder "Könnten Sie bitte etwas lauter sprechen?". D.h., Lehrer und Schüler verwenden den Konjunktiv hätte oder die Steigerungsformen genauer, lauter, bevor diese Formen systematisch eingeführt und erklärt werden. Künftige Lernschritte werden dadurch auf einer halbbewußten Ebene vorbereitet. Das ist aber nur sinnvoll, wenn der Schüler auch genau weiß, was er sagt und wie er sich ausdrückt. Dies geschieht durch sinngerechte Übertragung in die Muttersprache - und ist zu einem solch frühen Zeitpunkt anders gar nicht zu leisten. Der Lehrer erklärt also: "Ich hätte gern eine genauere Antwort" bedeutet: "I would like a more precise answer". oder "Könnten Sie bitte etwas lauter sprechen" bedeutet: "Could you please speak up a bit?" An dieser Stelle vom "Konjunktiv" zu reden, erübrigt sich.
Das sind grammatische Vorgriffe, die aber mit Hilfe der Muttersprache leicht zu bewältigen sind. Eine rigide grammatische Progression in der Unterrichtssprache wäre der Tod jeder echten Kommunikation. Das gleiche gilt für die ängstliche Vermeidung der Muttersprache. Die Muttersprache kann der Tropfen Öl sein, ohne den das Räderwerk der fremdsprachigen Kommunikation knirschend zum Stillstand kommt.

Der Schüler soll mitreden

Das wollte ich auch sagen.
Können Sie bitte zur Seite gehen? Ich kann nicht lesen, was an der Tafel steht.
Können Sie uns diesmal nicht die Hausaufgaben erlassen?

Ältere Sammlungen englischer Schulredensarten waren zumeist nur Lehrerredensarten. Den Schüler hatte man vergessen. In einem guten Fremdsprachenunterricht aber sollen die Schüler in den Unterrichtsverlauf eingreifen und diesen mitbestimmen können. Es genügt also nicht, wenn allein der Lehrer sich bemüht, die Fremdsprache zu gebrauchen, in der Hoffnung, irgendwann werde sein Vorbild schon auf die Schüler abfärben. Ein unmerkliches, allmähliches Eindringen fremdsprachiger Formen und Floskeln in die Köpfe der Schüler gelingt nur, wenn sehr viel Sprechzeit zur Verfügung steht. Das ist im allgemeinen nicht der Fall. Eine Studie über den Französischunterricht an 30 schottischen Schulen belegt ganz deutlich, daß die Schüler sehr konsequent dazu angehalten werden müssen, ihrerseits die Fremdsprache für alle möglichen Zwischenfälle und Probleme zu gebrauchen. Auch für sie ist die Muttersprache eben allemal bequemer.
Es wäre aber falsch, spontane Schüleräußerungen in der Muttersprache einfach abzublocken. Zunächst könnte man die Schüler bitten, solche Äußerungen fremdsprachlich einzuleiten, mit Routineformeln wie: Darf ich mal etwas auf englisch sagen? Ich kann es leider nicht auf deutsch sagen.
Der Lehrer kann dann entscheiden, ob es sich lohnt, das Problem in der Fremdsprache aufzunehmen und den Schülern wieder zuzuspielen. Ist es ein Standardproblem, wird er eine deutsche Version so bald wie möglich bereitstellen und beim nächsten Mal den Schüler daran erinnern, sich doch der angegebenen Formel zu bedienen. Jetzt erst darf, ja, muß er vom Schüler die gleiche Disziplin verlangen, die er sich selbst auferlegt:

S: I was going to say the same.

L: Wie bitte? Wie sagt man das auf deutsch? Das kennen wir doch schon.
(gibt Hilfe, wenn nötig: Das wollte ich...)

S: Das wollte ich auch sagen.

L: Du wolltest also dasselbe wie dein Vorredner sagen.
  © Wolfgang Butzkamm 2000
 



back to top

ZUR HAUPTSEITE
ZUR SEITE 'PRAKTISCHES'
ZUR SEITE 'DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE'
ZUR PUBLIKATIONSLISTE