Wolfgang Butzkamm


Lust zum Lehren,
Lust zum Lernen
Eine neue Methodik für den
Fremdsprachenunterricht

Rezension von Helmut Sauer in Praxis Fremdsprachenunterricht 4/2005, S. 59-61

 

 

 

 


 

Dieses Buch verdient mehr Aufmerksamkeit als die einer kurzen Rezension. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine ungewöhnliche Publikation, die alle Fremdsprachen-Lehr­kräfte anspricht und Mut machend motivieren kann. Mit pädagogischem Elan präsentiert Butzkamm die Erkenntnisse seines wissenschaftlichen und seines praktischen Lehrer- und Hochschullehrerdaseins. Lernerfolge der Schüler setzen die „Lust zum Lehren" bei den Lehrern voraus, die die „Lust zum Lernen" bei den Schülern entfachen soll. Wolfgang Butzkamm ist durch seine Schriften vorzüglich ausgewiesen und hat die Fachdiskussionen erheblich beeinflusst. Das gilt insbesondere für „Die aufgeklärte Einsprachigkeit" (1973), seine von Helmut Heuer, dem er das Buch widmet, angeregte und betreute erste Monografie, und die 2003 in dritter Auflage erschienene „Psycholinguistik des Fremdsprachenunterrichts", aber auch für die umstrittene „Praxis und Theorie der bilingualen Methode" (1980) und das soeben in Neuauflage erschienene Gemeinschaftswerk mit seinem Bruder Jürgen Butzkamm „Wie Kinder sprechen lernen" (1999/2004), dessen Perspektive für seinen Denkansatz sehr wichtig ist. Die „neue Methodik" ist ein zusammenfassendes Resümee seiner Arbeiten mit einem neuen Plädoyer für die „bilinguale" Arbeitsweise.

Die Theorie dieser Methodik wird in 12 allgemein auf Sprachenlernen bezogenen Leitsätzen entfaltet, nicht - wie traditionell - auf die fremdsprachlichen Fertigkeiten und sprachlichen Teilsysteme, und ist nachdrücklich und praxisnah auf das Handeln der Englisch-, Französisch-, Deutschlehrer gerichtet:

„1. Sprachen lernt man, indem man sie lebt."

Alle Leitsätze werden zunächst allgemein theoretisch erläutert, dann mit einer Fülle praktischer - in der Mehrzahl englischsprachiger - Beispiele versehen. Das erste Kapitel gibt zugleich einen Überblick über die zentralen Aspekte des schulischen Sprachenlernens, die permanent eine Rolle spielen. Dazu gehören: Das Verhältnis von L1 und L2, von Mutter- und Fremdsprache, das sprachbezogene und das mitteilungsbezogene Sprechen sowie das Üben und Kommu­nizieren.

„2. Sprachen lernt man, wenn sie uns - dem Sinn und der Form nach - verständlich zugesprochen werden."

Hier geht es um das Lernen durch Verstehen, formal und funktional. „Wer nichts von dem versteht, was er hört, lernt auch nicht." Focus on form und focus on message kann man auch in einem eingefügten Abschnitt „Bilinguale Textmethoden von der Spätantike bis heute" studieren, und man mag überrascht sein zu lesen:„... hüten wir uns, die Grammatik­-Übersetzungsmethode pauschal abzutun."

„3. Sprachen lernt man von denen, die sie können, und mit guten Texten."

„Schüler brauchen unbedingt well-formed input. Aus diesen Gründen sollte handlungsorientierte Gruppenarbeit stets in lehrergeführten, strukturierten, didaktisch geordneten und zielbestimmten Unterricht eingebettet sein."

„4. Man lernt nur einmal sprechen. Fremdsprachen müssen an muttersprachliches Wissen und Können anknüpfen."

In diesem Kapitel entfaltet Butzkamm sein seit Jahren mit großem Nachdruck vertretenes Anliegen des gut kontrollierten „bilingualen" Einsatzes der Muttersprache in der Sandwich-Technik des Zureichens deutscher Entsprechungen. Vor vielen Jahren erstand ich als Student in England ein damals wohl weit verbreitetes schönes Konversationsbüchlein Brush Up Your English von Marie D. Hottinger (first published 1934!). Man folgt darin der Mactavish family in alle möglichen Lebenssituationen. Auf jeder Seite stehen unten die wichtigsten Wörter und Wendungen mit ihren französischen und deutschen Entsprechungen. Ich fand das damals sehr hilfreich, habe es aber später als „Experte" negativ beurteilen müssen, als Verstoß gegen das Prinzip der Einsprachigkeit. Dort aber findet man genau die sprachlichen Entsprechungen, die die Lehrenden - nicht die Lernenden - nach der Sandwich- Technik mit gedämpfter Stimme einsetzen sollten. Beispiele aus dem Brush-Up-Büchlein: think it over- überleg's dir; hardly any-fast keine; the other day- vor ein paar Tagen; I'm afraid so- ja leider; I'm bored- ich langweile mich. Theorie - auch über sinnvolles Vokabellernen - und viel Praxis dazu gibt es in diesem Kapitel.

„5. Sprachen lernt man, indem man von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch macht."

Die Kapitel-Überschrift dazu lautet: „Richtig üben: das generative Prinzip", und der Gedankengang, der mit einem „Lob der Grammatik" beginnt, führt vom „natürlichen Spracherwerb" zum „effektiven Üben", das aber so, dass man vom Üben zum Sprechen kommt. „Sprache lernen heißt also, ihre Regelhaftigkeit erfassen...", so dass man schließlich „eine unbegrenzte Zahl von Sätzen mit einer begrenzten Zahl an Mitteln" erzeugen kann.

„6. Sprachen lernt man, indem man sie übt. Niemand kann einem das Üben abnehmen."

Noch einmal ist „Üben" der Leitbegriff. Überschrift:„ Richtig üben: der Wille zur Meisterschaft." Und viele schöne, gut zitierbare Sätze ließen sich hier einfügen. Z. B.: „Eine Sprache will gekonnt sein wie ein Instrument. ... Könnenserlebnisse sind es denn auch, die unsere Schüler bei der Stange halten.... Übung macht den Meister. ... Beim Sprachenlernen ist Übung wichtiger als Intelligenz."

„7. Sprachen lernt man nur, wenn man sich viel Zeit für sie nimmt."

Es gehört zu den Common-Sense-Erfahrungen, dass Spracherwerb „ein auf kontinuierlichen Input angewiesenes Langzeitunternehmen" ist, wie Butzkamm sehr treffend formuliert. Und weiter: „Wissen aufnehmen kann schnell gehen, Können-lernen geht langsam voran." Was hier und allgemein in der Fremdsprachendidaktik zu wenig reflektiert wird, ist die Tatsache, dass zu den sachstrukturellen Gegebenheiten jedes Sprachlernprozesses die sequenzielle Struktur des Lernprozesses gehört, dass neue Lernerfolge immer auf vorangegangenen Lernerfolgen aufbauen und dass die Kumulation von Misserfolgen Ursache für vielfältiges Versagen ist. (Vgl. Sauer zu Sequenzialitätin Neusprachliche Mitteilungen 1971 und PRAXIS des neusprachlichen Unterrichts 1985).

„8. Sprachen lernt man, indem man immer wieder sein eigenes Können erfährt."

„9. Sprachen lernt man am besten im Zustand konzentrierter Entspannung."

Die Kapitelüberschrift zu diesen Leitsätzen lautet: „Ein positives Arbeitsklima schaffen." Stichwörter dazu: Emotionale Grundbedürfnisse: „Gefühle begleiten all unser Tun". Könnenserlebnisse: „Es gibt das Glück des Begreifens und Durchschauens ebenso wie das Glück, es richtig hinzukriegen." Der fröhliche Lehrer: „Die Lernfreude des Schülers braucht die Freude des Lehrers am Lehren." Und es folgen viele praktische Anregungen zu „Sprache und Musik", „Sprache und Bewegung" und „Sprache und Spiel".

„10. Lehrer und Mitschüler müssen unsere Lernpartner werden."

„Die Klasse als Kommunikationsgemeinschaft" ist zweifellos ein guter und wichtiger Gedanke in einer Zeit, in der seit Jahren von „Schüler-" oder „Lernerorientierung" gesprochen wird, was eher individualistisch verstanden wird. Und: Zur Rolle des erfolgreichen Lehrers: „Jede freundschaftliche Beziehung ist eine Gradwanderung zwischen Nähe und Distanz."

„11. Guter Sprachunterricht ist mehr als Sprachunterricht. Mit guten Texten entwickeln wir den Sinn für das Gute, Wahre und Schöne."

Zu dem dazugehörigen relativ kurzen Kapitel mit durchaus überzeugenden Anregungen wünschte man sich hilfreiche Hinweise auf literatur- und kulturdidaktische Fachliteratur, wie etwa die von E. Werlich, L. Bredella und so manche Titel neueren Datums.

„12. Menschen lernen Sprachen unterschiedlich schnell und gut."

„Differenzieren und individualisieren" heißt das hierzu gehörige relativ kurze Kapitel.

Auch hier bleibt Butzkamm - gegen meine Erwartung - allgemein und nimmt keinen Bezug auf konkrete deutsche Rahmenbedingungen, was freilich für die empirischen Forschungen unverzichtbar ist. Es bleibt den Lehrenden überlassen, das für die Gegebenheiten in ihrer Unterrichtssituation Geeignete aus der Menge der Vorschläge auszuwählen!

Zu den Besonderheiten dieser Methodik gehört des Weiteren, dass Butzkamm über 300 autobiografische, in der Mehrzahl englisch geschriebene Reflexionen über selbst erfahrenes Fremdsprachenlernen von Englisch- und Französischstudentinnen und -studenten zur Verfügung standen, aus denen er oft am jeweils systematischen Ort zitiert. Damit konnte er eine weitere Dimension der Praxiserfahrung einbringen.

In unserer sehr gegenwartsbezogenen, schnelllebigen Zeit ist es geradezu verdienstvoll, dass Butzkamm durchgehend historische Bezüge herstellt und Verweise auf Erfahrungen in vergangenen Zeiten aufnimmt. Ein schönes Beispiel dazu aus dem Abschnitt „Sprache und Bewegung" ist der mögliche Brückenschlag von den Gouinschen Reihenübungen (1880) und Palmers English through actions (1925/1959) zu Ashers Total physical response (1977), da TPR im Frühbeginn hoch aktuell ist. Die Geschichte des Fremdsprachenlernens ist reich an Ideen, die neusprachliche Reformbewegung allein ist ein lohnendes Gebiet. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden, auch wenn jede Generation ihren Weg neu finden muss. Es kann nicht übersehen werden, dass Butzkamm bestimmte Bereiche der Fachdiskussionen und damit verbundener Forschungen der vergangenen Jahre nicht oder nur partiell zur Kenntnis genommen hat, denn seine Darstellung ist auf sein zentrales Anliegen, auf den Lehr- und Lernerfolg durch einen methodisch reich gestalteten Unterricht auch durch den gezielten Einsatz der Muttersprache konzentriert. So fehlen Bezüge auf die Fachdiskussionen um Instruktivismus und Konstruktivismus, um interkulturelles Lernen, um Grammatik und Grammatikunterricht. Jeder Fachmann wird im Text und im Literaturverzeichnis Titel vermissen, von denen er meint, dass sie in einer neuen Methodik genannt werden müssen. Die Leser sollten mindestens in Fußnoten Hinweise auf Literatur zur weiteren vertiefenden Beschäftigung mit einem Thema erhalten und auch auf Aspekte und Fragestellungen, mit denen sich der Autor nicht befasst hat. Die allein durch die Leitsätze gegebene Ordnung des Stoffes führt zu Überschneidungen und Wiederaufnahmen und manchmal zu dem Eindruck, dass der Autor ob seiner mitreißenden Darstellung die Systematik etwas aus dem Blick verloren hat. Daher meine Empfehlung: Die Anlage eines guten Registers, um auch schnell gezielt lesen zu können.

Fazit: Es macht richtig Freude, dieses Buch zu lesen, man spürt immer die Begeisterung für die Sache und die Zuneigung zu den Lernenden; die Praktiker in den Schulen werden reich belohnt durch die Fülle der konkreten Anregungen. Butzkamm schreibt in einer verständlichen, motivierenden Sprache, die offenbar bewusst aus dem eher trockenen fachsprachlichen Diskurs ausbricht. Er will primär die Praktiker in den Schulen ansprechen, nicht gerade aktuelle Diskurse mit den Experten vorantreiben! Er greift auf bewährte allgemein-pädagogische Erfahrungen zurück, nimmt wissenschaftliche Erkenntnisse auf und stützt seine Theorie immer auf erfahrene Praxis und sein Wissen aus einem engagierten Hochschullehrer-Da­sein. Butzkamms pädagogischer Elan enthält freilich immer auch einen Schuss idealisti-sche Utopie, die Diskussionen auslöst, aber im Glücksfall Fortschritte produziert! Es ist ein in der Fachliteratur seltenes Buch mit starkem Aufforderungscharakter. Ich kann Richard M. Müller, Butzkamms Mentor und Kollegen, nur zustimmen, wenn er schreibt: „Keine Fremdsprachen-Methodik, die ich kenne > munitioniert sich aus einem so umfangreichen Depot eigener Forschung, eigener Praxis und extensiver Lektüre und ist so beglückend im schriftstellerischen Ergebnis ... ich schlage Folgendes vor: Alle Klassenpflegschaften schenken Wolfgang Butzkamms Buch allen Fremdsprachenlehrern > deren Unterricht verrät, dass sie es noch nicht gelesen haben."

 
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