Wolfgang Butzkamm

Freiheit und Unfreiheit in der Sprache

Zum Verhältnis von Sprache und Denken

in: Wirkendes Wort 6/87 (S. 418-431)


Text und Wort

Meist meinen wir Texte, wo wir Sprache sagen. Es sind Texte, die uns aufhetzen oder trösten, Texte, über die wir uns gruseln oder über die wir schmunzeln. Hinter den Texten steht nicht die Sprache, sondern ein Autor. Er ist es, der Haß und Liebe, Wut und Angst, sein Wissen und Wollen in diese Texte steckt und uns damit ansteckt. In den modernen Industriestaaten hat sich eine riesige, vorher nie dagewesene Bewußtseinsindustrie entfaltet, die in Bild und Wort Menschen zu beeinflussen sucht. Aber ob Plakat, Zeitungsanzeige oder Werbespot, es sind immer Texte.

Die Frage sei hier, ob uns schon Einzelwörter als die Bausteine der Sprache bestimmte Denkweisen nahelegen oder gar vorschreiben. Wir wollen den versteckten, weniger spektakulären Wirkungen der Wörter nachspüren. "Der Umfang des Worts ist die Grenze, bis zu welcher die Sprache selbsttätig bildend ist. Das einfache Wort ist die vollendete, ihr entknospende Blüte. In ihm gehört ihr das fertige Erzeugnis selbst an," sagt Humboldt (5. 449). Jede Rede ist Handlung, jeder Text eine Tat. Ein Wort ist dagegen bloße psychische Präsenz. Dieser Unterschied zwischen den Wörtern, die der Sprache - und damit prinzipiell allen - angehören, und Texten, die jeweils ihren Autor haben, wird meist verwischt: oft sind Texte und zugleich bestimmte Wortprägungen gemeint, wenn etwa von der Sprache der Psychoanalyse, der Neuen Linken, der Drogenszene die Rede ist. Wenn wir nicht gerade in Wörterbüchern nachschauen, begegnen uns Wörter real nur in Texten. So müssen beide Ebenen ständig ineinander wirken. Dennoch sind von Texten losgelöste Wörter psychologisch höchst real. Denn unser Sprachspeicher ist vor allem ein Speicher von Wörtern und Routineformeln.

Fragen wir also, was unsere Muttersprache von sich aus bewirkt, wie ihr Wortschatz (und andeutungsweise ihre Grammatik) für sich genommen unser Denken, Reden und Schreiben beeinflussen. Dabei wird auch die übergeordnete Frage nach der Sprache überhaupt und ihrem möglichen Verhältnis zum vorsprachlichen oder sprachfreien Denken gestreift.


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Beispiel Spracherwerb

Gegenüber der vorsprachlichen Vernunft werden zwar die denkerischen Möglichkeiten des Menschen durch Sprache ungeheuer potenziert, doch engt der Wortvorrat der Sprache uns auch ein. Wir formulieren frei und verkennen, wie sehr sich die schon vorhandenen Wörter als fertige Erzeugnisse unserem Denken aufgedrängt haben. Allerdings ist der Gewinn unendlich viel größer als der Verlust.

Beobachten wir dazu den kindlichen Spracherwerb. Kinder überraschen uns oft mit eigenen Wortschöpfungen. Für Gisa ist ein Stück gepflasterter Straße die "Wackelstraße", Luftmatratze und Luftkissen sind ihre "Springsachen", die wir immer zum Strand mitschleppen müssen, das Freibad ist das "Draußen-Schwimmbad", ihre kleine Reisetasche, in die sie ihre Kuscheltiere, Spielzeug, später Bücher und walkman einpackt, ist ihr "Langweiler" d. h. die Tasche enthält ihr gesamtes Arsenal gegen die Langeweile auf Reisen.

Die Logik dieser Bildungen ist stets nachvollziehbar, in einigen Fällen geradezu makellos, man vergleiche etwa Draußen-Schwimmbad mit outdoor swimming pool. Gerade aber die Schöpfung "Langeweiler", die die Sprache formal gegen den Strich bürstet, wurde von ihrer Kusine Jenny übernommen. Hier setzte sich ein inhaltliches Bedürfnis durch, das Gefühl, für die Tasche, die man ganz allein verwalten durfte, die dem Zugriff der Eltern entzogen war, in die man die liebsten Sachen packte, auch ein besonderes Wort zu brauchen. Die Kinder hatten eine Wortlücke entdeckt und gefüllt.

Nun scheint es mir nicht so, daß den Kindern ihre verbale Kreativität von den Erwachsenen ausgetrieben würde. Es kann sich sogar bereichsweise eine interne Familiensprache entwickeln, so wie es zwischen Liebespaaren eine Art Privatsprache geben kann (Leisi 1978). Die Beispiele lassen jedoch auch erkennen, daß die Schöpfungen des einzelnen nichts sind im Vergleich zu den Erfahrungen und Denkleistungen unzähliger Generationen, die sich in unserer Sprache niedergeschlagen haben. Konformisten, die wir allesamt sind, übernehmen wir das Wort- und Begriffsangebot unserer Sprache und tun gut daran. Kinder wenden sich mitunter gegen ihre eigenen Schöpfungen, wenn ihre Eltern sie noch beibehalten wollen. Was die noch niedlich finden, haben sie schon abgetan wie eine Haut, die ihnen nicht mehr paßt.

Sprache lastet nicht, um einen Marxschen Ausdruck zu gebrauchen wie ein "Alp auf dem Gehirne der Lebenden", sondern bedeutet Teilhabe am Erfahrungsschatz des Menschengeschlechts. Hermann Hesse preist das Wort Glück.

"Es ist eins von den Wärtern, die ich immer geliebt und gern gehört habe. Mochte man über seine Bedeutung noch so viel streiten und räsonnieren können, auf jeden Fall bedeutete es etwas Schönes, etwas Gutes und Wünschenswertes. Und dem entsprechend fand ich den Klang des Wortes... Es war nicht erdacht, abgeleitet oder zusammengesetzt, es war Eins und rund, war vollkommen, es kam aus dem Himmel oder aus der Erde wie Sonnenlicht oder Blumenblick"
(Hesse 1958, 889).

Zu solch geglückten Wörtern gehört auch das Wort Kränkung. Es zeigt unmißverständlich an, daß eine Beleidigung, eine Demütigung, ein Angriff auf das Selbstwertgefühl krank machen kann: der psychosomatische Denkansatz kristallisiert sich in diesem Wort der Alltagssprache. Jede Sprache enthält zahllose ähnlich kluge Beispiele.


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Das Einzelwort: Präsenz, Beweglichkeit, Sinnerwartung

Wir erkennen an, wie überreichlich uns Sprache begabt und beschenkt, und spüren zugleich, wie uns das Geschenk auch überwältigen kann. Gerade die Dichter und Schriftsteller, die wir als Meister der Sprache ansehen, haben immer wieder bezeugt, daß die Sprache eine "Produktivkraft an sich" sein kann, wie es Döblin ausdrückt:

"Man glaubt zu sprechen und man wird gesprochen, oder man glaubt zu schreiben und man wird geschrieben."

Oder an anderer Stelle:

"Der Dichter möchte, was er in sich trägt, fühlt und denkt, in die Sprache überführen - und ihm kommt vor, dies wäre ein einfacher Vorgang. Aber die Sprache ist kein Spiegel, in den einer blicken kann, um sich zu erkennen. Man bilde sich nicht ein, sagen zu können, was man meint. Vor der machtvoll präsenten gewachsenen Realität der Sprache zerfließen die meisten Träume"
(Döblin, 1966, 330, 334).

Es ist klar, daß Döblin hier nicht nur Wörter und Satzbaupläne im Auge hat, sondern auch Sätze und Texte, Gehörtes und Gelesenes, das sich in das, was er fühlt, denkt und sagen will, hineindrängt.

Versuchen wir trotzdem, die Ebenen zu trennen, und machen wir uns an Beispielen klar, welche Wirkungen vom Einzelwort ausgehen können. Schulversagen heißt Versagen der Kinder in der Schule. Müßte man sich nicht verwundern, daß es eben dies bedeutet und nicht das - formal näherliegende - Versagen der Institution? Was soll's, möchte man entgegnen - wenn wir letzteres meinen, sprechen wir eben vom Versagen der Schule. Das Denken ist nicht behindert. Dennoch hat die in einer festen Wortzusammensetzung verdichtete Sichtweise einen Vorteil. Sie steht im Lexikon, sie ist in unseren Köpfen. Das Konzept, das in ein Wort gefaßt wird, "wird zu einer Art Gegenstand: Es existiert, auch wenn es gerade nicht gedacht wird, es erhält Dauer, man kann damit sehr leicht hantieren, ganze Gefüge von Konzepten zu neuen Aussagen zusammenstellen. . ." (Zimmer 1986, 162).

Bioschuhspray - eine solche Zusammensetzung wirkt anders als die dahinter steckende Behauptung: dieser Schuhspray ist biologisch (was immer das heißen mag). Die Behauptung läßt eher Widerspruch zu. Man kann sie verneinen oder in Frage stellen. Das Kompositum hingegen legt die Behauptung nicht offen, sondern unterstellt sie.

Nehmen wir das Schlagwort Demokratisierung. Demokratie, wie wir alle wissen, ist gut, Demokraten sind ehrenwerte Leute, wer wollte es da wagen, als "Demokratisierungsverhinderer" aufzutreten? Es gilt Demokratisierungsbestrebungen zu unterstützen, Demokratisierungsverhinderungstendenzen auszuspähen und zu bekämpfen. Man kann die "totale Demokratisierung der Gesellschaft" fordern. Haben wir erst einmal für einen Begriff ein Begriffswort, so läßt sich dieser Begriff auch leichter denken und zu neuen Begriffen zusammenkoppeln, d. h. es läßt sich auch leichter weiterdenken.

Nach Leech (1974, 37) hat eine Neuschöpfung, die sich durchgesetzt hat, einen "institutionalizing effect". Sie mag dadurch aber auch zur Denkschablone werden, von der wir nicht mehr loskommen. Wir halten den eingeführten Begriff für selbstverständlich und stellen ihn nicht mehr denkend in Frage. Seine bloße Existenz genügt. "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen", spottet Mephisto. Gerade weil es das Wort gibt, denken wir einen Sinn hinein. "Mehr Demokratie" klingt gut. Was soll das aber heißen: Demokratisierung der Krankenhäuser, der Universitäten, der Kultur? Das gälte es doch intensiv zu bedenken, statt von vornherein gutzuheißen. Gerade politische Schlagwörter sind notorisch unscharf, denn eben das macht sie als Kampfwort geeignet. Die bequeme Verfügbarkeit hat ihre Schattenseiten. In Nietzsches Worten:

"Wir drücken unsere Gedanken immer mit den Worten aus, die uns zur Hand sind. Oder um meinen ganzen Verdacht auszudrücken: wir haben in jedem Momente eben nur den Gedanken, für welchen uns die Worte zur Hand sind, die ihn ungefähr auszudrücken vermögen" (Morgenröte, Nr. 257).

Nehmen wir das Wort Verschulung. Geisteswissenschaftler an den Universitäten warnen: das Studium darf nicht verschult werden. Verschulung klingt schlecht. Niemand will sie. Und so, den Verdacht hege ich, kann ein griffiges Schlagwort notwendige Reformen verhindern oder verzögern. Übrigens hätte man seine Schwierigkeiten, das Wort ins Englische zu übersetzen. Englische Universiäten sind eben schon "verschult", aber im positiven Sinne.

Wörter sind also nicht nur Stützpunkte des Denkens, ganz unentbehrliche Begriffs-kürzel, sie sind zugleich auch Begriffspferche, die das Denken nicht aus sich heraus-lassen wollen. So schleppen wir Bezeichnungen weiter wie etwa die politische Linke, Rechte oder Mitte, obwohl wir doch wissen, wie untauglich solche groben Rubriken sind. Gewiß, sie können dem Denken einen Halt geben. Wir finden uns sofort zurecht, wissen, wo wir dran sind. Andererseits: sie stoppen das Denken ab, so als sei es schon angekommen.

Die in ein Wort zusammengezogene Denkweise hat demnach einen Entwicklungsvorsprung vor anderen, nicht zum Symbol verdichteten Ansichten:

  • Sie hat als Erinnerungs- und Orientierungsmarke herausgehobene Existenz. Sie ist machtvoll präsent".
  • Sie ist im Satz leicht beweglich und darum dem Denken in besonderer Weise verfügbar. Sie kann z. B. plakativ, schlagwortartig verwendet werden.
  • Daß hinter dem Wort ein greifbarer Sinn steckt, ist eine natürliche Erwartung.

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Verdinglichung

Hinzu kommt ein weiteres Moment. Betrachten wir folgende Sätze:

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht.
Unsere Zeit steht vor großen Aufgaben.
Die Sprache verhext unseren Verstand.

Hier werden die Abstrakta Schuld, Liebe, Zeit und Sprache mit konkreten Tätigkeiten zusammengebunden. Theoretische Begriffe werden, ohne daß wir es recht bemerken, als greifbare Realität vorgestellt, also verdinglicht. Oder auch personifiziert. Denn die Verben benennen streng genommen Tätigkeiten, die wir nur Menschen zuschreiben.
Etwas Vergleichbares geschieht in dem Satz:

Hitler marschierte in Polen ein.

Auch hier ein sprachüblicher, verkürzter Ausdruck. Jeder weiß, wie es sich konkret verhielt. Und doch steckt in dem Satz die Tendenz, alle Schuld auf den einen abzuwälzen.

Prinzipiell ist gegen diese Fügungsweisen nichts einzuwenden. Im Gegenteil: die reinen Abstraktionen sind für das Denken so notwendig wie der Sauerstoff für das Leben. "Man kann die Seele zehnmal nachgewiesen haben als ein leeres Wortgespenst, der Begriff bleibt dennoch wichtig für die Geschichte des menschlichen Denkens" sagt Mauthner (1923, 1, 243), und wir möchten hinzufügen, unentbehrlich auch für das moderne Denken. Nur müssen wir uns gelegentlich bewußt werden, daß Wörter wie Seele, Liebe, Sprache reine Denkakte bezeichnen. Die Sprache als solche gibt es nicht. Wenn wir es genau nehmen, gibt es auch die Einzelsprache nicht. Auch sie ist schon ein theoretischer Begriff, abstrahiert aus der Summe der Sprachhandlungen ganz bestimmter Menschen. Oder in Jaspers' bündiger Formulierung: "Sprache ist im Sprechen" (1964). Wenn es also heißt: "Die Sprache verführt das Denken" - "Die Sprache ist schuld" - "Wir müssen die Sprache ändern" - so müssen wir, um den Gehalt dieser Äußerungen zu prüfen, zunächst die Verdinglichung erkennen. Geändert werden soll allemal das Verhalten von Menschen.

Vergleichen wir noch die beiden Sätze:

Die Sprache verführt das Denken.
Die Straße verführt zum Rasen.

Der letzte Satz ist jedem Autofahrer auf Anhieb klar. Er wird niemand täuschen. Jeder weiß, daß eine Straße nicht tätig wird. Es bedarf keiner gelehrten linguistischen Erklärung, daß aus einer ursprünglichen Agens-actio-Beziehung ein formales Satzschema abstrahiert wurde. Wo nun aber rein theoretische und schwer faßliche Begriffe als absichts- und willensbegabte Wesen vorgeführt werden, die bestimmte Tätigkeiten ausüben, ist Täuschung, auch Selbsttäuschung, eher möglich.


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Das Wort als Etikett

Ein weiteres Phänomen kommt in den Blick: die Etikettierung. Mit Wörtern etikettieren wir unsere Mitmenschen: X ist ein Schlosser, Y ein Sportler und Z ein Biertrinker. Was ist dagegen einzuwenden, wenn es der Wirklichkeit entspricht? Es ist wichtig, den anderen richtig einzuschätzen. Aber dieses Einteilen ist zumeist ein Aburteilen. Jeder klassifikatorische Akt kommt doch gerade dadurch zustande, daß ich von zahllosen anderen Merkmalen absehe. Das vergessen wir gerne, daß wir mit einem Wort immer nur einen Einzelaspekt der Person herausgreifen. Bestimmte Etikette haften besonders und vermögen oft alles andere auszublenden. Man denke daran, mit welcher Tücke die nationalsozialistische Presse systematisch "der Jude Heine" schrieb. In dieser Kombination hat das Wort Jude fast einen Alleinvertretungsanspruch für den Menschen Heine.

Victor Klemperer, der die Schreckensherrschaft überlebte, weil er mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet war, berichtet:

"Auf meinen Lebensmittelkarten stand erst ein einzelnes großes J, später wurde das Wort 'Jude' schräg über die Karte gedruckt, zuletzt stand auf jedem winzigen Abschnitt jedesmal das volle Wort 'Jude' etliche sechzigmal auf ein und derselben Karte. Wenn von mir amtlich die Rede ist, heißt es immer 'der Jude Klemperer'; wenn ich mich auf der Gestapo zu melden habe, setzt es Püffe, falls ich nicht 'zackig' genug melde: 'Hier ist der Jude Klemperer'"
(Klemperer, o. J., 89).

Das adjektivische Etikett ist übrigens weniger insistierend, da mindestens noch ein weiteres Kennzeichen hinzutreten muß: "der jüdische Dichter" zum Beispiel. Wenn dagegen in den Lokalnachrichten von dem "Taxifahrer XY" die Rede ist, ist das gerechtfertigt, weil er im Rahmen einer Unfallnotiz nur als Taxifahrer, nicht als Ehemann, Vater, Protestant etc., etc. interessiert. Im übrigen legt Klemperers Beispiel nahe, daß ein Wort erst dann zum Etikett wird, wenn es seinem Gegenstand konstant anhaftet. Die Penetranz gleichbleibender Wiederholung wirkt prägend.

Leider ist das Ankleben von Etiketten jedoch eine Neigung, der wir nur allzu gern stattgeben. Gerade den politischen Gegner sehen wir oft nur noch unter dem Aspekt der Parteizugehörigkeit. Wer sich also das Denken nicht beschneiden lassen will, sollte sich der verallgemeinernden, das Individuelle vernachlässigenden Tendenz der verbalen Etikettierung bewußt bleiben. Um an diese Grundtatsache zu erinnern, daß ein Mensch nicht nur eines, sondern zugleich vieles andere ist, hat die Schule der general semanticists ihre Zeitschrift etc. getauft.

"Wenn ich von einem Menschen sage, er sei mir zuwider, so ist das eine ehrliche Aussage. Wer sie hört, dem ist anheimgegeben, ob er die Schuld an diesem Zuwidersein mir oder dem anderen zuschreiben will. Sage ich aber von jemand, er sei eitel oder geizig, oder er trinke, so tue ich unrecht. Auf diese Art ließe jeder Mensch sich rasch durch Urteile 'erledigen'"
(Hesse 1971, 89).

Schon richtig, aber auch sehr unpraktisch gedacht. Z. B. jede Behauptung mit "ich behaupte, daß" einzuleiten, wäre unerträgliche Pedanterie. Sprache ist nun mal unser vorzüglichstes Mittel, mit dem wir einteilen, werten und urteilen. Im Grunde sind alle unsere Urteile Vorurteile. Nie können wir der Welt vollständig gerecht werden. An irgendeinem Punkt reißt jedes Bemühen, die Dinge, den anderen und sich selbst zu verstehen, ab.


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Verfließende Inhalte, mangelnde Konkretion und Erfahrungsarmut

Weil wir die Wörter haben, glauben wir, wir hätten auch die Wirklichkeit, auf die sie verweisen. Hier liegt eine weitere Quelle des Irrtums. Zunächst suggeriert uns die lautliche Schärfe und Abgegrenztheit eine ebenso klare begriffliche Trennung. Tier oder Mensch, Tier oder Pflanze, Krebs oder eine x-beliebige andere Krankheit, Leben oder Tod: all das ist lautlich unverwechselbar. Die in sich beharrende Einheit der Form täuscht über ihre verfließenden Inhalte hinweg, denn die Wirklichkeit, auf die Wörter verweisen, ist längst nicht so klar geschieden. So kennt die Medizin ein irritierendes Zellwachstum als eine Grauzone zwischen Krebs und Nichtkrebs. In der Evolution des Menschen gibt es ein weites Tier- Mensch-Übergangsfeld (wie ist z. B. der Neanderthaler einzuordnen?). Bei ganz einfachen Lebewesen, so belehrt uns die Biologie, ist auch die Unterscheidung zwischen Tier und Pflanze schwierig bzw. umstritten. Was ist Leben, was ist Nicht-mehr-Leben (Problematik des Hirntodes)? Was ist Leben, was ist Noch-nicht-Leben (Problematik der Abtreibung)? In dem Maße wie Astronomen neue Radioquellen aus dem All und neue Himmelskörper entdecken, sind alte gängige Begriffe wie Galaxie, Stern und Planet fragwürdig geworden. Könnte man den Riesenplaneten Jupiter nicht genauso gut als einen verhinderten Stern begreifen? Er besteht wie die Sonne aus Wasserstoff und Helium und strahlt mehr Wärme ab, als er empfängt. Die Wirklichkeit ist unendlich komplexer als die Sprache, die ihr nur nachlaufen kann. Die Wissenschaft muß ständig auf der Hut sein, daß die einmal gewählten Namen und Begriffe bestimmte Fragen nicht verstellen und das Weiterfragen in weniger fruchtbare Gebiete abdrängen.

"Every field of science, old or new, is haunted by the perennial question: how can we avoid foreclosing empirical issues, and missing essential points of the situations we study, by our choice of conceptual apparatus and working distinctions"
(Mackay 1972, 3)

Am gefährlichsten sind diejenigen Abstraktionen, die unseren Verstand vernebeln, weil wir glauben, wir hätten sie schon verstanden. In Wirklichkeit versteht jeder etwas anderes darunter. Hier liegt eine grundsätzliche Schwierigkeit, denn jedem Verstehen ist, wie Humboldt gezeigt hat (1963, 439), ein Rest Nicht-Verstehens beigemischt.

Nicht immer sind die verbleibenden Deckungszonen groß genug. Dann reden wir aneinander vorbei, oft ohne es zu merken: Ein Fremdsprachendidaktiker veröffentlicht 1885 einen Aufsatz über "Sprachentwicklung, Spracherlernung, Sprachbildung". Er bekennt sich zum Prinzip der Mündlichkeit. Man müsse vom gesprochenen Wort ausgehen, von Sätzen, besser noch von Texten als vom Einzelwort.

Das klingt modern, wir wähnen uns mit dem Autor in Einklang. Zum Schluß gibt er aber noch ein praktisches Beispiel:

"Ich finde für den Anfang keinen passenderen Lesestoff als Stellen aus der englischen Bibel-übersetzung. Nehmen wir zuerst das Vaterunser: "Our father, which art in heaven, hallowed be thy name..." Der Lehrer spricht zuerst in natürlicher Weise vor."
(Techmer 1885, 18).

Wir sind schockiert. Das verstehen wir nun gerade nicht unter dem Prinzip der Mündlichkeit. Nun liegen zwischen Techmers "Mündlichkeit" und unserem heutigen Verständnis hundert Jahre fremdsprachendidaktischer Entwicklung. Also naiv, wer da Deckungsgleichheit erwartet? Wie viele pädagogische Diskussionen sind aber von dieser Naivität gekennzeichnet, die hinter den gleichen Begriffswörtern die gleichen Inhalte voraussetzt! Die Klippe, an der heute noch ein Großteil pädagogischer Methodenforschung scheitert, ist mangelnde Konkretion und Präzision: die genaue Beschreibung der intendierten Prozesse bis an den Punkt, an dem der Leser imstande wäre, die gleichen Prozesse am anderen Ort zu reproduzieren.

In Martin Walsers "Sprüchen zur Erbauung des Bewußtseins" (1978) heißt es mit einer syntaktischen Anleihe bei Hölderlin:

Theorie
Schön blüht und ohne Zweifel rot die Tendenz:
dem Bestehenden ziehen wir das Bessere vor:
den Sozialismus, wie er im Buche steht:
schön und beweisbar.

Sozialismus ist die Wirklichkeit der anderen, der sog. sozialistischen Länder; dazu gibt es den Sozialismus, wie er im Buche steht, schön und beweisbar. Es käme aber darauf an, eigene erlebte Wirklichkeit vorzuweisen: dann könnten wir uns darauf einigen, ob Sozialismus Leitbegriff oder Schmähwort sein soll. Von dieser Eigenart sind viele politische Kampfwörter. Sie sind Passe-partout-Begriffe, die auf keine konkrete Erfahrung verbindlich verweisen. So muß sich, wer sich nicht seinen Verstand von den Wörtern verhexen lassen will, gerade bei inhaltsleeren und - was oft dasselbe ist - vieldeutigen Abstraktionen wie "Chancengleichheit", aus denen jeder verbindliche Anschauungsgehalt herausgeflossen ist, in Vorsicht üben.

Täglich überfordert uns die Politik (eingeschlossen die Politiker selbst). Sie deckt uns mit Begriffen zu, zu denen uns die entsprechenden Erfahrungen fehlen. Wer aber allein auf das Wort angewiesen ist, ist manipulierbar. Wirkliche Erfahrungen sammeln die meisten nur in ihrer Familie, ihrem Beruf, in dem Sport, in dem sie sich selbst betätigen usw. .. Da können wir mitreden. Im Umkreis unserer Erfahrungen macht uns so leicht keiner ein X für ein U vor.

Darüber hinaus leben wir von Erfahrungen aus zweiter Hand. An ihrer Vermittlung ist fast immer das Wort beteiligt. Aber wenn die Regierenden das Wort handhaben, dann geschieht etwas mit dem Wort. Sie wollen uns nicht informieren, sondern von uns gewählt werden - Gewinn von Stimmvieh, Verbreiterung der Machtbasis. Aber auch wir wollen, wenn wir reden, mehr überzeugen als informieren. Wir vergessen, wie sehr wir in einer bloßen Wortwelt leben. Wir fragen zu wenig, ob für das Wortgeld, das wir tauschen, eine reale Deckung besteht.

Hier wirkt also nicht die Tücke der Sprache, sondern lediglich die eigene Denkfaulheit. Wir glauben, uns schon über die Begriffsinhalte der verwendeten Wörter einig zu sein, und sind zu bequem, nachzuprüfen.

"Wir alle sitzen im Gefängnis unserer eigenen Erfahrungswelt und der mit ihrer Hilfe gewonnenen Begriffe. Was immer wir mit Worten bezeichnen, bedeutet gleichen Bewußtseinsinhalt nur dort, wo diese Begriffe an gleichen Erlebnissen gebildet worden sind. Nur die Gleichheit der Erfahrungen in einer Gesellschaft täuscht uns darüber hinweg, wie einsam wir alle in der Welt unseres subjektiven Lebens sind; wo diese Gleichheit der Erfahrung aufhört, werden die standardisierenden Begriffe unserer Gesellschaft leere und sinnlose Vokabeln",

schreibt der Heidelberger Physiologe Hans Schäfer (1971, 85).
Zu Beginn dieses Jahrhunderts rückte der Sprachphilosoph Fritz Mauthner der anscheinend nicht totzukriegenden Idee zu Leibe, als ob die Sprache selbst die eigentliche Schatzkammer des Geistes und der Urquell aller Erkenntnis sei:

"Nicht die Worte der Sprache vermitteln uns das Verständnis der Welt, sondern unsere individuelle Orientierung in der Welt vermittelt uns das Verständnis der Worte und Sätze"
(Mauthner 1923, III, 243).

Denken wir an die Ursprünge des eigenen Sprechens. Das Kleinkind erwirbt Sprache nicht, indem es etwa versucht, den Sinn des Zugesprochenen zu enträtseln. Vielmehr hat das Kind schon gelernt, seine kleine Welt zu verstehen. Es kennt die Situationen des Kitzelns, Waschens, Fütterns usw. von Anfang bis Ende und überträgt das Verständnis der Situation auf das dabei Gesprochene. Der Weg führt von einer Grammatik des Handelns zu einer Grammatik der Sprache.

So bleibt uns als letzter Ausweg, um Mißverständnisse auszuräumen, die Rückkehr zum Handeln, zum Vormachen und Vorzeigen. Das Tun ist unser sicherster Sinn. Einen Schritt in diese Richtung bilden die bei Kindern beliebten Definitionen vom Typ "Geiz ist, wenn Tante Alice..."

Fassen wir zusammen: gedächtnismäßige Präsenz, syntaktische Beweglichkeit, psychologische Sinnerwartung, Verdinglichung, Etikettierung, unscharfe Bedeutungen, hoher Abstraktionsgrad sind Phänomene, die erst bei Mißbrauch oder in bestimmten Konstellationen für den Sprachbenutzer gefährlich werden. In den Wörtern liegt kein unabänderlicher Denkzwang. Dennoch lassen wir uns von ihnen leicht einfangen: Wörter wie Fußangeln.


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Sprachliche Anpassung und Gewöhnung

Das Wort kann uns deshalb verführen, weil wir von klein auf gewohnt sind, uns sprachlich anzupassen. Zwar ist der Muttersprachenerwerb keine reine Imitation, doch übernimmt jedes Kind die Sprache seiner unmittelbaren Umgebung.

Das Phänomen der sprachlichen Anpassung hat viele Facetten. Die Linguistik untersucht Gesprächsverläufe und stellt fest, daß sich mancher oft unbewußt in seiner Ausdrucksweise seinem Gesprächspartner angleicht: er redet ihm "nach dem Munde". In seinem Büchlein Paar und Sprache (1978) nennt Leisi dies Code-Übernahme. Bei Liebes- oder Ehepaaren übernimmt der eine gern eigenwillige oder kennzeichnende Redeweisen des andern und gibt ihm dadurch zu verstehen, wie sehr er ihn und seine Eigenart schätzt.

Beim Gespräch mit Engländern etwa mag uns auffallen, wie leicht es vonstatten ging und wieviel wir dazugelernt haben. Das liegt daran, daß uns die Partner in ihren Beiträgen absichtslos Ausdrücke zuspielten, die wir übernahmen und mit denen wir das Gespräch fortsetzen konnten. "Yes, I agree, this kind of tinkering with the system fails to come to grips with the real problem. That problem runs deeper still." entgegnet uns jemand, und uns wird blitzschnell klar, daß wir gerade das hatten ausdrücken wollen, dieses Herumdoktern: tinkering with the system. Außerdem merken wir uns the problem runs deeper still als eine brauchbare Floskel und lassen sie später in einem eigenen Beitrag einfließen.

Ähnliches kennen wir aus muttersprachlichen Diskussionen. Jemand verwendet einen Ausdruck, der plötzlich in aller Munde ist, ohne daß man dies als Zitat empfände. Ich kann mich an eine Haushaltsdebatte im Rat einer Kleinstadt Anfang der siebziger Jahre erinnern. Während der Debatte gebrauchte der Verwaltungschef das Wort "zurückfahren", und plötzlich übernahmen fast alle Redner das Wort im Sinne von "weniger ausgeben". Irgendwie schien das Wort, obwohl ungewöhnlich verwendet, die Situation zutreffend zu charakterisieren. Pate gestanden hat hier die Fachsprache der Technik: man kann eine Produktionsanlage "zurückfahren", d. h. auf geringe Leistung einstellen.

So entstehen auch sprachliche Moden. Plötzlich ist ein Ausdruck "in". Wir plappern ihn nach und zeigen, daß wir Bescheid wissen und dazugehören. Ein harmloses Phänomen, gewiß. Doch kann unsere Bereitwilligkeit, uns aus dem sprachlichen Angebot schnell zu bedienen, auch gefährlich werden. Die Demokratie lebt nun einmal von der Zustimmung der Bürger. Kein Wunder, daß die Parteien alles versuchen, den Konsens der Bürger für ihre Politik zu gewinnen. Den bekommt man nicht nur, indem man in der Tat gute Politik macht, sondern indem man seine Politik auch an den Mann bringt. So ist ein Teil der Politik reiner Sprachkampf. Parteien und Gewerkschaften organisieren Semantik-Arbeitsgruppen oder bestellen Semantik-Studien bei Fachleuten.

Schon hier müßten wir aufhorchen. Warum Semantik? Weil der Bürger das Wort nicht kennt. Er soll eben nicht merken, daß er manipuliert wird: Verhüllung und Schönfärberei. Früher hieß das einmal Propaganda-Abteilung, im DDR-Deutsch Agitation, in der Wirtschaft Reklame, ein Wort, das, wie wir wissen, schon längst durch das schönfärberische Wort "Werbung" abgelöst worden ist. In zwei Weltkriegen haben die beteiligten Nationen die psychologische Kriegsführung erlernt. Als die Soldaten in den Krieg zogen, zogen die Wörter gleich mit. Denn das Volk darf nicht kriegsmüde werden und muß durch Lügen bei Kriegslaune gehalten werden.

Gruppenfeindschaft ist ein biologisches Erbe des Menschen. Mit Entsetzen mußte Jane Goodall erfahren, wie die von ihr jahrelang beobachtete Schimpansengruppe eine andere überfiel und auch selbst angegriffen wurde. Hemmungsloses Wüten gegen den Feind, eine sich blitzschnell verbreitende aggressive Stimmung und kritiklose Solidarität mit der eigenen Gruppe sind Eigenschaften, die nicht erst der Mensch erfunden hat. Aber der Mensch hat die Freiheit, gegen biologisch bedingte Impulse anzugehen. Jesus hat Friedfertigkeit gepredigt und gelebt. Umgekehrt könnte der Mensch ohne die in der Sprache liegenden Möglichkeiten gar nicht über längere Zeit Krieg führen. Ist einmal der erste Aggressionsrausch vorbei, bedarf es sprachlich konservierter Feindbilder, sprachlicher Stachel wie Diffamierung, Demagogie, Hetze und Verleumdung oder sprachlich gefaßter Zukunftsentwürfe (Kriegsziele), um den Krieg fortzuführen.

Die Erfahrungen der psychologischen Kriegsführung werden heute in der Auseinandersetzung der Parteien um die Macht weiterverwendet und ausgebaut.

Wo hochbezahlte Profis am Werk sind, den Bürger verbal zu lenken, dürfen wir nicht einfach andere für uns denken lassen und die Wörter, die man uns zuspielt, gedankenlos nachplappern. Ein Beispiel:

"Was tat eigentlich der Chef der bundesdeutschen Spionageabwehr, der Regierungsdirektor Tiedge? Früher hätten wir gesagt: er beging Vaterlandsverrat, er floh, lief über, setzte sich in die DDR ab, er bat um Asyl. etc. Nein. in allen Medien war davon die Rede, daß er in die DDR übergetreten sei. Das Deutsche Universalwörterbuch kennt ein Verbum übertreten mit der Bedeutung 'sich einer anderen (weltanschaulichen) Gemeinschaft, einer anderen Konfession anschließen' mit dem typischen Beispiel 'zum Katholizismus übertreten'. Wenn wir sagen, daß Tiedge in die DDR übergetreten ist, vermeiden wir die mit überlaufen verbundene Feind-Vorstellung"
(Carstensen 1985, 112).

Zugleich erweckt die Sprachregelung den Anschein, als sei der entstandene Schaden relativ gering. So ist die Denkfaulheit der Bürger der ärgste Feind und Verderber einer funktionierenden Demokratie.

Denn die Tendenz zur sprachlichen Anpassung verbündet sich mit dem Gewöhnungseffekt. Wir nehmen meist nicht wahr, wie stark diese menschliche Eigenschaft unser politisches Leben mitbestimmt. Der Mensch reagiert auf wiederholte Reizungen derselben Art mit Abstumpfung. Im Experiment führten wiederholte Darbietungen desselben Reizworts zur sog. verbalen Sättigung. Ähnliches läßt sich in der Politik beobachten. Der Wald stirbt. Die fortlaufenden Schadenserhebungen zeigen das immer deutlicher. Obwohl sich nun das Wort Waldsterben - übrigens gegen den anfänglichen Widerstand offizieller Stellen - allgemein durchgesetzt hat und obwohl die ökologische Katastrophe voranschreitet, hat das Wort seinen Schrecken verloren. Es kann uns nicht mehr aufregen. Wir haben es schon zu oft gehört. Irgendwie nehmen wir es hin, finden uns ab, gewöhnen uns daran. Der Alltag ist zurückgekehrt. Mit Gewöhnungseffekten anderer Art rechnet auch die Propaganda totalitärer Staaten. Hier gibt es keine Erschöpfungsphasen, wie sie die moderne Ökologiebewegung oder die Friedensbewegung durchmachen. Die Propagandamaschine läuft pausenlos - und tut am Ende ihre Wirkung. Diesen Aspekt der Nazi-Herrschaft hat wiederum Klemperer am genauesten analysiert:

"Die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewußtem Denken oder bewußtem Fühlen in sich aufnehmen mußte. Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden... Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein."
(S.23f.)

Wer diese Sprache täglich einatmen muß, den steckt sie an. Die Macht der Sprache ist ganz schlicht die Macht der Gewohnheit.


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"Herren der Texte": das Prinzip Freiheit

Der sicherste Garant einer funktionierenden Demokratie ist deshalb die Pressefreiheit, die Existenz vieler unabhängiger Zeitungen, die keiner Zensur unterliegen. Wo viele Gruppen sich öffentlich artikulieren, läßt sich so leicht keine einheitliche Sprachregelung durchsetzen. Das Mitdenken wird leichter. Leicht wird es allerdings nie sein.

Die Atomlobby spricht von Berstschutz, die Atomgegner kontern mit Schrottreaktor. Offiziell heißt es Sondermüll; die Zeitungen schreiben Giftmüll. Die Ärztefunktionäre nennen es Arechnungsschwierigkeiten, für andere handelt es sich um Millionenbetrug. Die Kritik von links spricht abschätzig von Bildungsbürgertum, die Kritik von rechts polemisiert gegen Intellektuelle. Der eine sagt Nachrüstung, der andere Hochrüstung. Der politische Betrieb liefert ständig neue Beispiele.

Ähnliches gilt für alle Lebensbereiche. Ein politisch neutrales Beispiel: das deutsche Wort "Fleisch" meint zugleich das lebendige, durchpulste Fleisch wie das Schlachtfleisch, zwei Begriffe, die in anderen Sprachen sorgfältig getrennt werden (flesh/meat; chair/viande). Das Wort zwingt uns jedoch keineswegs, beides zusammenzudenken. Im Kontext verstehen wir unmittelbar. Entweder ist es die Wunde am Oberschenkel oder der Sonntagsbraten.

Früher kannte der Gärtner neben seinen Nutz- und Zierpflanzen nur noch "Unkraut". Eine neue Sichtweise schuf sich neue Wörter: "Beikraut" oder "Wildkraut". In verwandter Denkart wurde aus dem Raubvogel ein "Greifvogel".

Was der eine so nennt, kann der andere ganz anders nennen. Das Wort zwingt niemand. Überhaupt: Wie zum Tango gehören zum Verführen immer zwei: einer, der verführt, und einer, der sich verführen läßt. Oder in L. Marcuses Worten (1967, 41):
"Ein Führer entsteht nur, wo eine Gefolgschaft bereits da ist."
Ein Schlagwort mobilisiert zumeist nur das, was in uns schon keimhaft angelegt ist. Mit der Täterschaft des Wortes ist es nicht weit her, wenn wir nur Widerstand leisten wollten. So hat auch die Nazi-Propaganda trotz totaler Sprachlenkung und Zensur nicht jedermann täuschen können. Denn entscheidend wird das Bewußtsein der Menschen von ihrer Lebenswirklichkeit selbst geprägt, von Brot, Arbeit und Familie, nicht von den Worten, die uns dabei begleiten. So unbestreitbar die Wirkung der Worte auf das Bewußtsein ist, so ist doch der umgekehrte Einfluß der Lebensverhältnisse auf die Sprache weitaus fundamentaler. Der Sprachidealismus etwa Whorfscher oder Weisgerberscher Prägung, der einen einseitigen Wirkungsverlauf Sprache - Denken betont, ist heute theoretisch erledigt. Aber auch die Annahme einer wechselseitigen Beeinflussung ist zu simpel. Das Verhältnis Sprache - Wirklichkeit läßt sich wohl am ehesten in der Vorstellung eines Stufenbaus, einer progressiven Auflagerung von Schichten fassen, wobei die höheren von den niedrigeren abhängen und die niedrigeren noch in den höchsten beibehalten sind. Dabei ergeben sich jeweils charakteristische Rückwirkungsschleifen:

unterste Schicht: primäre Gegebenheiten der Lebenspraxis Sprache
 
oberste Schicht: Sprache, d. h. hier Welt der Theorien, geistiges Sein Lebenswelt
 

Erst in den oberen Schichten ist das Wort das Primäre; die Wirklichkeit folgt. Ein bloßer Sprachrelativismus aber kann ebenso in die Irre führen wie seine Zuspitzung zur Sprache als dem Gefängnis des Denkens. Denn das Leitmotiv des Lebens - hier folgen wir der philosophischen Biologie Hans Jonas' (1973)- ist Freiheit. Wie dies im einzelnen zu verstehen ist, kann hier nicht dargelegt werden. Jedenfalls ist das Signum der Sprache nicht die Gewalt, die sie auf das Denken auszuüben vermag, sondern die Möglichkeit zur Freiheit. Die "Tyrannei der Wörter", um nur einen berühmten Buchtitel zu nennen (Chase 1933), ist nicht der dominierende Aspekt der Sprache. Während sich unser vorsprachlicher "Weltbildapparat" (Lorenz 1973) noch "unbelehrbar" zeigt (wir können z. B. dem Auge nicht befehlen. die Brechung des Lichts im Wasser auszugleichen), bleiben die vielfältigen, in der Sprache niedergelegten Einteilungen und Wertungen unverbindlich. Die Sprache des Menschen ist ein freies Verhalten. Sie duldet den Verstoß gegen die eigenen Normen, wenn er im Dienst eines höheren Sinnes steht. Sie läßt freie Wahl. Wer hätte je das Potential seiner Muttersprache ausgeschöpft? Auch kann man aus der Befangenheit der eigenen Sprache austreten und Anleihen bei einer fremden machen. Wie wenig die Sprache das Denken gleichschaltet, zeigen die unermeßlichen Widersprüchlichkeiten, das Chaos der Ideen und das Durcheinander der Wertungen, die sich denken und sagen lassen.

Grundzug der Sprache ist ihre Beweglichkeit. In ihr herrscht nicht die endlos ausgedehnte Zwangsläufigkeit des physischen Universums. der Kausalnexus ist durchtrennt. In der Sprache können wir die Welt auf den Kopf stellen. Diese Freiheit wendet die Sprache auch gegen sich selbst.

Die Wirkung des Wortes selbst zerbricht an den Möglichkeiten der Grammatik und damit am lebendigen Geist, am denkenden Menschen. Das grammatische Spiel befreit uns vom Zwang der Wörter. Wir sind frei, die Wörter in unseren Sätzen hin- und herzuwenden, mit Fragezeichen zu versehen, zu negieren, zu passivieren, hochzuloben oder abzuurteilen. Am Ende kann eine völlige Umwertung herausspringen. So war "Demokrat" zunächst ein Schimpfwort; "Gotik", "Barock", "Impressionismus" waren anfangs als abschätzige Ausgrenzungen einer Stilrichtung gemeint. Heute zeichnet sich ein ähnlicher Wandel bei den Wörtern "schwul" und "lesbisch" ab. Andere möchten "Pazifist" und "Pazifismus" erneut zu Schimpfwörtern umdeklarieren. Wenn wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse mitbestimmen wollen, müssen wir auf solche Vorgänge achten. "Wir sind nicht Sklaven der Wörter, denn wir sind Herren der Texte" (Weinrich 1970. 24). Oder in einem Bild Hugo von Hofmannsthals:

Eigene Sprache
Wuchs dir die Sprache im Mund, so wuchs in die Hand dir die Kette:
Zieh nun das Weltall zu dir! Ziehe! Sonst wirst du gezogen.

Anmerkung

Ich danke Götz Beck und Annelie Knapp für kritische Lektüre und wertvolle Anregungen.


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Literatur

Carstensen, Broder (1985): "Wörter des Jahres 1985", Sprache und Literatur, 110-118. Chase, Stuart (1938/1950): The tyranny of words, London.

Döblin, Alfred (1966): "Die Sprache im Produktionsprozeß", in K. Daniels, Hrsg., Über die Sprache. Erfahrungen und Erkenntnisse deutscher Dichter und Schriftsteller des 20. Jhdts., Bremen.

Hesse, Hermann (1958): Gesammelte Dichtungen, Bd. 4, Frankfurt.

Hesse, Hermann (1971): Lektüre für Minuten, Frankfurt.

Humboldt, W. v. (1963): Schriften zur Sprachphilosophie, Werke III, Stuttgart.

Jaspers, Karl (1964): Die Sprache, München.

Jonas, Hans(1973): Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie, Göttingen.

Klemperer, V. (1947): (LTI) Lingua Tertii Imperii, Notizbuch eines Philologen, Berlin.

Kunze, Reiner (o. J.): Über, o über dem Dorn. Gedichte aus hundert Jahren, Frankfurt.

Leech, Geoffrey (1974): Semantics, London.

Leisi, Ernst (1978): Paar und Sprache, Heidelberg.

Lorenz, Karl (1973): Die Rückseite des Spiegels, München.

Mackay, D. M. (1972): "Formal Analysis of Communication Processes", in R. A. Hinde, Hrsg., Non-Verbal Communication, Cambridge.

Marcuse, Ludwig, (1967): Aphorismen, Argumente und Rezepte. München.

Mauthner, Fritz (l923): Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. 1-3, Hildesheim.

Nietzsche, Friedrich (1980): "Morgenröte", in Karl Schlechter, Hrsg., Werke in drei Bänden, München.

Schäfer, Hans (1971): Leib, Geist, Gesellschaft, München.

Techmer, F. (1885): "Sprachentwicklung, Spracherlernung, Sprachbildung," Internationale Zeitschrift für allg. Sprachwissenschaft 2. 141-192.

Walser, Martin (o. J.): Der Grund zur Freude.

Weinrich, Harald (1970): Linguistik der Lüge, Heidelberg.

Zimmer, Dieter (1986): So kommt der Mensch zur Sprache, Zürich.

Zimmer, Dieter (1986): Redens Arten, Zürich.


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