Sprache und Erkenntnis

von Wolfgang Butzkamm

aus: PHILOSOPHIA NATURALIS Band 23/1986, Heft 3
Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte, Verlag Anton Hain - Meisenheim/Glan



Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit geht alle Wissenschaften an. Denn die Sprache ist ja nicht nur das vorzügliche Mittel, in dem sie ihre Inhalte bewahren und weitergeben. Die Mitwirkung der Sprache an der wissenschaftlichen Begriffsbildung selbst ist zu bedenken. Es ist ein alter zäher Streit, wer hier über wen verfügt: das Denken über die Sprache oder umgekehrt.
Kann Sprache der Mitspieler des Denkens, Komplize oder gar der Feind des Denkens sein, der uns den Blick auf das wahre Wesen der Dinge verstellt? Die Dichter und die Philosophen, Psychologen, Pädagogen, Politologen und andere haben neben den Sprachwissenschaftlern solche Fragen gestellt. Den Pädagogen interessiert etwa, wie beim Kind Erkenntnisse verfügbar werden. Wie wirken Anstöße von der Sache her und Anstöße von der Sprache her zusammen, um die Entwicklung voranzutreiben? Die Fremdsprachendidaktik setzt sich seit Humboldt mit der verwandten Frage auseinander, inwiefern mit einer fremden Sprache auch ein neues "Weltbild" vermittelt wird.
Eine Lösung dieses vielschichtigen Problems ist nur möglich, wenn man es radikal angeht - d.h. wenn man das darin verborgene erkenntnistheoretische Grundproblem freilegt. Dies sei hier versucht, und zwar mit Bezug auf die evolutionäre Erkenntnistheorie.

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Von Kant bis Lorenz

Unser erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt ist Kant. Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben? Und wie wahr ist das, was wir vermeintlich - wissen? Kants Antwort lautete: Wie die Dinge "an sich" sind, wissen wir nicht. Wir kennen nur deren Form, in der sie uns von den eigenen "Kategorien" vermittelt werden. Diese "Kategorien", Denkformen, Erkenntnisstrukturen liegen vor aller Erfahrung in uns bereit, ja machen Erfahrungen überhaupt erst möglich. Sie sind absolut, unverrückbar, für jeden gültig und die Voraussetzung jeder Erkenntnis. Deshalb können wir auch nicht über sie hinaus. Woher stammen sie? Darauf gibt es keine Antwort mehr. Sie sind eben nicht mehr hintergehbar, sondern von vornherein - a priori - da. Apriorische Denkformen sind nach Kant u.a. Raum, Zeit, Kausalität, Substantialität.
Hamann und Herder, beide Schüler Kants in Königsberg, widersprechen ihrem Lehrer. Er habe den Anteil der Sprache am menschlichen Erkenntnisprozeß übersehen‘ . Sprache und Erkennen stehen in enger Wechselwirkung. Der Mensch wächst in seine Muttersprache hinein und übernimmt somit vorgeprägte Sichtweisen und Denkformen, nicht unähnlich den Kantschen Kategorien, die unsere gesamte Erfahrung vorstrukturieren.
Humboldt greift diesen Gedanken auf und führt ihn weiter. Was leistet die Sprache für das Denken und Erkennen, und wodurch kommt ihre Leistung zustande? Humboldt sieht drei Momente.
Ohne die Verschmelzung eines Gedankens mit dem artikulierten Laut in seiner "abgerissenen Schärfe und Einheit" könnten wir nichts klar und dauerhaft auseinanderhalten. "Die schneidende Schärfe des Sprachlauts ist dem Verstande bei der Auffassung der Gegenstände unentbehrlich" (S. 427)2 .
Außerdem wird unsere geistige Tätigkeit nur dadurch, daß wir sie verlautbaren, äußerlich wahrnehmbar. In der Rede tritt uns das eigene Denken gegenüber. "wird also in wirkliche Objectivität hinüberversetzt" (S. 429.)
Dies ermöglicht ein längeres Festhalten an der geäußerten Empfindung, Wahrnehmung oder Willensregung. Übrigens sieht Aldous Huxley, dieser tiefgründige Denker der Moderne, eine bitterböse Konsequenz: .
führen Kriege lange nachdem die erste Leidenschaft verraucht ist, weil wir Wörter haben, die uns immer wieder sagen, wofür wir kämpfen" (Huxley 1980, S. 79.)
schließlich ist es dem Menschen nur durch solche sprachliche Objektivation, durch Entäußerung des Innern, möglich, "sein Denken an dem gemeinschaftlichen Denken mit Anderen zur Klarheit und Bestimmtheit" zu bringen. Die Ent-Äußerungen des andern werden zum Prüfstein der eigenen inneren Erzeugung. Ich vergewissere mich meiner selbst, indem ich mein Fühlen und Denken am gemeinschaftlichen Denken absichere. Kommunikation wäre viel weniger auf Konflikt als auf ein ständiges Sich-Abklären und Sich-Abstimmen angelegt.
Diese drei Grundüberlegungen: (1) Unterscheidungskraft, Abgegrenztheit des Lautes - (2 seine Kraft, den Gedanken festzuhalten und zu perpetuieren -  (3) die Möglichkeit, ihn am andern zu überprüfen, kumulieren in dem berühmten Satz: "Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken" (S. 426). Ebenso klar auch die folgende Aussage: "Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wirklichkeit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken."(S. 19).
Zu diesen drei Leistungen: Sprache als Unterscheidungshilfe, als Fixationshilfe und Mittel der Vergewisserung tritt noch ein viertes, bei Humboldt nur angedeutetes Moment. In der Sprache ist die vom Menschen aufgefaßte Welt ein zweites Mal vorhanden, und zwar in vergegenständlichter, objektivierter Form. Dadurch wird es nicht nur möglich, Elemente der aufgefaßten Wirklichkeit schärfer abzugrenzen und länger festzuhalten. Ein entscheidender Vorteil liegt auch darin, daß die in der Sprache faßlich gewordenen Elemente nunmehr fast nach Gutdünken hin- und herbewegt werden können. Unser Denken, das ja nichts anderes ist als ein Trennen und Verknüpfen, ein ständiges Beziehungsstiften zwischen geistigen Elementen erlangt somit die es auszeichnende ungeheure Beweglichkeit und Biegsamkeit. Sprache macht das Denken frei und beweglich. Erst im 20. Jahrhundert hat man diesen in der Sprache liegenden Vorteil wahrhaft würdigen können, indem man Denken als ein Probehandeln verstand. Eindrucksvoll formuliert es Konrad Lorenz, daß nunmehr die Hypothese im Fall groben Irrtums für ihren Besitzer stirbt. Wir können Gedankenexperimente anstellen und scheitern lassen, ohne Schaden zu nehmen, bis wir die Lösung finden und danach handeln. Wir können in und durch Sprache ganze Armeen aufmarschieren lassen, ohne auch nur einen Finger zu heben. Neben das Operationsfeld Wirklichkeit tritt ein Operationsfeld Sprache.
Mit Konrad Lorenz stellen wir nun erneut die erkenntnistheoretische Frage. Bei all den nachvollziehbaren Leistungen der Sprache für das Denken blieb doch umstritten, ob nun Sprache das Denken tatsächlich aus sich erzeugt oder doch nur Hebammendienste versieht. Kein Zweifel, daß sich erst in der Sprache menschliches Denken voll entfalten kann und alle menschliche Kultur immer schon sprachlich ist. Aber der Mensch wächst doch immer nur in Einzelsprachen hinein: einfach unmöglich, diesen den gleichen Status zuzusprechen wie den Kantschen Aprioris der Vernunft.

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Saussure und die Folgen

Kennzeichnen wir aber zuvor noch sprachwissenschaftliche Positionen unseres Jahrhunderts, die wir nunmehr als überholt ansehen. Vielleicht die häufigste Position ist eine, die von einer unspezifischen Wechselwirkung zwischen Denken und Sprache ausgeht, eine vorsichtige Position, die aber über Humboldts Feststellung, daß man sich Geist und Sprache nicht identisch genug vorstellen könne, nicht hinausgelangt. Typisch für diesen Standpunkt sind Formulierungen, die die Konnektoren "und zugleich" oder "umgekehrt aber" enthalten. Wörter können Indikatoren und zugleich Faktoren der Veränderung sein. Die Sprache trete in den Dienst des Denkens. umgekehrt aber präge die Sprache auch das Denken. Die ordnende Kraft der Sprache sei zugleich eine Bedingung von Erfahrung, wie auch ihr Resultat. Sprache sei zugleich Kleid wie auch Gußform des Denkens, usw. All dies wohl ein Nachhall eindrucksvoller, scheinbar paradoxer Formulierungen bei Humboldt: die Sprache sei der Seele zugleich "fremd und ihr angehörend, von ihr unabhängig und abhängig" und ihrer Macht gegenüber dem Menschen entspräche "eine Gewalt des Menschen über sie" (S. 428 f.).
Die andere, bis heute nachwirkende Position sieht in der Sprache die eigentliche Ordnungsmacht. Die Sprache hat nicht nur erkenntnisleitende, sondern sogar gegenstandskonstitutive Kraft: "Psychologisch betrachtet ist unser Denken, wenn wir von seinem Ausdruck durch die Worte absehen, nur eine gestaltlose und unbestimmte Masse. Philosophen und Sprachforscher waren immer darüber einig, daß ohne die Hilfe der Zeichen wir außerstande wären, zwei Vorstellungen dauernd und klar auseinanderzuhalten. Das Denken, für sich allein genommen, ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist. Es gibt keine von vornherein feststehenden Vorstellungen, und nichts ist bestimmt, ehe die Sprache in Erscheinung tritt" (Saussure 1967, S. 133).
"Jede Sprache legt ihre Grenzen in die amorphe "Gedankenmasse‘ hinein und hebt verschiedene Momente von ihr in verschiedenen Wörtern hervor, legt den Schwerpunkt an verschiedene Stellen und gibt den Schwerpunkten verschiedenes Relief. Es ist wie ein und dieselbe Handvoll Sandkörner, die in verschiedenen Mustern geformt wird, oder wie die Wolke am Himmel, die ihre Gestalt in Hamlets Blick von Minute zu Minute ändert" (1-ljelmslev 1974, S. 55 f.).
Mit anderer Intention und in anderem Zusammenhang finden wir doch die gleiche Position bei Heidegger (1983, S. 16) wieder: "Denn die Worte und die Sprache sind keine Hülsen, worin die Dinge nur für den lebenden und schreibenden Verkehr verpackt werden. Im Wort. in der Sprache werden und sind erst die Dinge."  Namen wie Saussure und Heidegger bürgen dafür, daß diese Position auch heute noch vielfach vertreten wird. Dabei ist sie schlicht weltfremd.

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Evolutionäre Erkenntnistheorie

Die Welt vor der Sprache ein formloses Chaos? Eine völlig unbiologische Sicht. denn in einem Chaos läßt sich nicht leben. Auch zu lernen ist vom Chaos nichts (Riedl 1981. S. 84). Leben und Lernen — gibt es aber vor dem Menschen, in dem weiten Tier-Mensch-Übergangsfeld bis hinunter in die Anfänge. So wundert es nicht, wenn eine neue Antwort auf erkenntnistheoretische Grundfragen weder aus der Philosophie noch aus der Sprachwissenschaft, sondern aus der Biologie kommt. Eine Antwort, an der viele mitgewirkt haben, die jedoch zuerst von Konrad Lorenz in seinem Aufsatz "Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie" (1941) formuliert wurde. Sie besagt in Kürze: Ebenso wie unsere Gliedmaßen sind auch unsere Wahrnehmungs- und Denkstrukturen das Ergebnis stammesgeschichtlicher Entwicklung. So sind zwar dem Einzelnen die grundlegenden Erlebnisweisen von Wirklichkeit angeboren. Für die Gattung gilt jedoch dieses "a priori" nicht mehr. So wie des Menschen Fuß oder Hand, so sind auch seine Wahrnehmungs- und Denksysteme. ja so ist er selbst geschichtliches Produkt und damit hintergehbar geworden. Unsere Wahrnehmungs- und Denkstrukturen haben sich nur so entwickeln können, indem sie sich an der Wirklichkeit bewährten. Was wir von der Welt erkennen. mußte in irgendeiner Weise  stimmig sein, sonst wären wir von der Selektion längst verworfen worden. Das Leben selbst ist ein erkenntnisgewinnender Prozeß (Lorenz 1973. S. 33). Oder in Riedls Worten (1984. S. 41): "Nicht der Mensch begann zu erkennen, das Leben hat damit begonnen. Nur die bewußte Reflexion ist neu." Der Organismus, der überleben will, muß etwas über seine Umwelt in Erfahrung bringen, er muß richtige Vorausurteile treffen können, sonst ist er verloren. Die verschiedenen Formen der Angepaßtheit von Organismus und Umwelt werden als ein "lnformiertsein" der Organismen über ihre jeweilige Umwelt verstanden. Jedes sich bildende Organ stellt eine Reaktion dar auf einen "vermuteten" Zustand der Außenwelt und bewahrt nur solche "Hypothesen". die sich bewähren. Das Geschlecht der Fische "weiß" etwas Zutreffendes über die Fließeigenschaften des Wassers und Stromlinien; Huftiere "wissen" etwas über die Beschaffenheit des Steppenbodens; die Augen und zugehörigen Sehzentren der Lebewesen "wissen" etwas Richtiges - aber nicht immer dasselbe - über die Gesetze der Optik. Leben ist nicht möglich ohne solchen Erwerb von Wissen über die Außenwelt. "Wissen" ist zu verstehen als eine Art innerer Nachbildung der Lebensbedingungen, sei es nun in den Genen als instinktives Wissen oder in Gehirn und Nerven als ratiomorphes und schließlich rationales Wissen. "Evolution - even in its biological aspects - is a knowledge process" (Campbell 1974, S. 413).

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"Sprache" der Moleküle

Man mag einwenden: das alles ist bloß metaphorische Sprache: "erkennen", "urteilen", "vermuten", "Hypothesen bilden", "wissen" darf man korrekterweise nur auf den menschlichen Verstand beziehen, alles andere ist uneigentlicher Gebrauch. Doch es scheint, daß wir selbst, wenn wir wollten, die Verhältnisse im Bereich des Lebendigen sprachlich nicht anders fassen können. Unser Immunsystem "registriert" Krankheitserreger:
wir verfügen über ein immunologisches "Gedächtnis". Bestimmte Nukleinsäuren, die zu den Grundbausteinen des Lebens gehören, werden als "Botenstoffe" bezeichnet, Moleküle "verstehen Befehle" usw. Ein Baum "kennt" seine arttypische Gestalt, wie G. Hess formuliert (1968. S. 41). und zeigt dies u.a. darin, wie er erworbene Defekte durch zusätzliches Wachstum allmählich wieder auszugleichen versteht. Wir verwenden also die Sprache der Vernunft für Operationen, an denen die zu sich selbst gekommene Vernunft keinen Anteil hat.
Dies ist alles andere als zufällig und nicht schlicht die Folge davon, "daß unsere heutige Sprache nun einmal über diese Begriffe verfüge und wir sie daher gewissermaßen gleichnishaft auch zur Beschreibung der biologischen Vorgänge benutzten" (v. Ditfurth 1 976, S. 36). Die Sprache hält nicht Denkkategorien bereit, die zufällig auch auf bewußtseinsfreies Verhalten passen. Denn der Geist entwickelt sich aus dem Leben, nicht umgekehrt. So schließt sich hier ein Kreis: unser Vokabular für geistige Vorgänge ist selbst metaphorisch aus Bezeichnungen für elementare Lebensvorgänge, besonders der Raumorientierung. hervorgegangen. Wir be-greifen. ver-stehen. schließen, folgern, teilen mit, stellen fest, ent-wickeln Ein-sichten, he-gründen, er-heben, und bringen Einwände vor oder lassen sie fallen, unter-richten. in-formieren, bringen also jemanden "in Form" usw. Kein Wunder, daß die Sprache des bewußten Denkens. solchermaßen aus dem Räumlichen hervorgegangen, wieder zurückgebogen werden kann, um materielle und ratiomorphe Vorgänge zu bezeichnen. Mit ratiomorph bezeichnen wir im Anschluß an Brunsvik (1934) und Lorenz (1973) alle jene Leistungen im Bereich des Lebendigen, bei denen Informationen aus der Umwelt sowie aus der eigenen Innenwelt des Organismus aufgenommen und verarbeitet werden. ohne daß dabei eine bewußte Vernunft beteiligt wäre. Beispielsweise führen, wie die moderne Naturwissenschaft aufgezeigt hat. Auge und Hirn eine Reihe komplizierter Verrechnungen durch, damit wir überhaupt sehen, wie wir sehen. Dies geschieht in Arbeitsschritten, die zwar mit unserer bewußten Vernunft nichts zu tun haben. aber doch "den klassischen Schritten induktiver Naturforschung. nämlich dem Sammeln einer lnduktionsbasis. ihrem systematischen Ordnen und der Abstraktion einer Gesetzlichkeit, wahrhaft verblüffend analog, somit ,ratio-morph‘ sind" (Lorenz 1973. S. 257). Der Erwerb der muttersprachlichen Syntax ist zum allergrößten Feil eine Leistung des ratiomorphen Apparats.

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Die Kontinuität körperlicher und kognitiver Strukturen

Unsere bewußte Einsicht. unser absichtsvolles Problemlösen und logisches Denken stellen eine direkte Fortsetzung des ratiomorphen, also vernunftähnlichen Apparats dar, der selbst wiederum nach Prinzipien verfährt, die über bedingte Reaktionen bis zu einfachsten, unbedingten Reflexionen und starren Erbkoordinationen zurückreichen. In der Anatomie besitzen wir dazu ein einleuchtendes Analogon. Ältere Systeme werden nicht etwa abgeschafft, sondern sind in den jüngeren, weiterentwickelten miteingebaut. Denn das kann die Evolution nicht: wieder ganz von vorn anfangen. "Fortschritt ist bei lebenden Strukturen nur unter einer Auflage denkbar. angesichts derer jeder menschliche Konstrukteur resignierend aufgeben würde: nur in der Form, daß das jeweils Vorhandene Schritt für Schritt in einer Weise umgebaut und erweitert wird, die die Funktion des Organismus insgesamt in keinem Augenblick behindert oder gar für noch so kurze Zeit unterbricht" (v. Ditfurth 1976, S. 257). Die Evolution ist wie eine von den Insassen selbst vorgenommene Verbesserung und Reparatur am fahrenden Wagen. So ist der Mensch zwar das Großhirnwesen - besonders im Hinblick auf dessen jüngsten Teil, das Stirnhirn - doch laufen alle Verbindungen von Großhirn zur Außenwelt durch die älteren Gebiete, das Zwischenhirn und den Hirnstamm.
Solcher vielfach nachweisbaren Kontinuität anatomischer und physiologischer Strukturen entspricht eine ebenso überzeugende Kontinuität des Verhaltens von den einfachsten Reflexen bis hin zur rationalen Problemlösung. Ohne das Neue zu leugnen, was beim Menschen hinzukommt und nur ihm zukommt: Vernunft und Sprache, so fährt der Mensch doch fort, das zu sein, was seine Ahnen schon waren. Er hört nicht auf, ein Instinktwesen zu sein, das sich in vielfältiger ihm selbst unbewußter Weise über seine Umwelt informiert.
Unsere bewußten Leistungen, bewußtes Hinhören, Hinschauen, Assoziieren, Erinnern, Durchdenken, Folgern, machen nur einen Bruchteil der ratiomorphen Informationsverarbeitung aus. "Der Leib ist eine große Vernunft . . . 'Ich' sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst - dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich" (Nietzsche, Also sprach Zarathustra).

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Testfall: die Farben und ihre Wörter

Die Farben galten lange Zeit als ein Paradebeispiel für die Auffassung von der Sprache als Ordnungsmacht. Die Physik biete uns ein Kontinuum von Wellenlängen, diesen entspreche ein Spektrum, in dem die Farben kontinuierlich ineinander übergehen, ohne daß es klare Grenzen gäbe. Erst die Sprachen, so heißt es, durchgliederten dieses Spektrum und erzeugten somit erst die Farbqualitäten, indem sie sie heraushebend benennen.
So deckt im Walisischen (Kymrischen) das eine Wort "glas" eine Farbzone ab, die wir in Blau und Grün aufteilen. Bei den Zuni-Indianern gibt es nur ein Wort für Gelb und Orange usw. In einem Wiedererkennungsexperiment wurden denn auch von den Zunis Gelb und Orange häufiger verwechselt als von englischen Muttersprachlern. Ähnliches gilt nun auch innerhalb einer Sprache. Je leichter und eindeutiger eine bestimmte Farbqualität sprachlich etikettiert werden konnte, desto besser wurde sie behalten. Zwischen sprachlicher Verfügbarkeit und Wiederkennungsleistung bestand ein signifikanter Zusammenhang (nach Hörmann 1970, S. 343).
Aber was beweist das? Doch nur das, worüber sich schon alle einig sind. Eindrücke, Ideen, Denkresultate, für die sich griffige Bezeichnungen finden, sind schon darum besser verfügbar, weil sie sich gewissermaßen verdoppelt haben. Der namenlose Eindruck ist ein Inneres, eine bestimmte Bewußtheit; ins Wort gefaßt, ist er zugleich eine Lautung, ein Äußeres, Stoffliches, das man mitteilen und mit dem man leichter operieren kann. Soweit konnten wir auch Humboldt folgen: Sprache als Denkstütze, unentbehrlich dann, wenn das Denken eine gewisse Komplexitätsstufe erreichen will.

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Drei Schichten der Wirklichkeit

Übersprungen wird in dieser Darstellung von einem spektralen Kontinuum auf der einen Seite und den einzelsprachlich unterschiedlichen Farbkodierungen auf der anderen Seite die Sinnesphysiologie, die das menschliche Farbensehen zuallererst erklärt. So illustriert Hörmann (1970, S. 343) das Problem mit folgender Skizze:

Genauso formuliert Britton (1970, S. 195): "The physical continuum of the colour spectrum gives us a highly specific set of phenomena against which to place the values meant by the word."
In Wahrheit haben wir es aber mit einer dreistufigen Wirklichkeit zu tun. Die erste Schicht bildet die physikalische Realität. Physikalisch gesehen ist das für uns sichtbare Licht ein kleiner Ausschnitt aus dem weiten elektromagnetischen Spektrum, und zwar Wellenlängen zwischen 380 nm und 760 nm. Die nächste Schicht ist die biologische, in unserem Fall die Physiologie des Farbsehens. Der Mensch ist biologisch so ausgestattet, daß er eben einen Teil des elektromagnetischen Spektrums bewußt registriert, und zwar den einen Teil als Licht und Farbe erlebt, und noch einen anderen als Wärme. Nach einem hochkomplizierten, erst von der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts teilweise entschlüsselten Verfahren teilt unsere ratiomorphe Wahrnehmung ein übergangsloses Kontinuum von Lichtwellen in abgrenzbare Farbqualitäten und bringt es fertig, daß wir einen Gegenstand trotz unterschiedlicher Beleuchtung an seinen Reflexionseigenschaften, d.h. eben an seiner "Farbe" erkennen (sog. Farbkonstanz).
Farben sind in erster Linie ein biologisches Phänomen, (das natürlich sein physikalisches Substrat hat), und genau dieser Aspekt wird in vielen Darstellungen unterschlagen. Die Farbwahrnehmung ist ein Produkt der Evolution, oder noch schärfer: Die Farben selbst sind ein psychophysisches Phänomen, denn wo wären die Farben ohne das wahrnehmende Auge? Der eigentliche Konstrukteur der Erfahrung ist hier also nicht die Sprache, die mit ihren Farbwörtern eine dritte Schicht bildet, sondern das menschliche Auge mit dem dazugehörigen Sehzentrum, das die physikalischen Gegebenheiten in artgemäßer Weise verrechnet, distinkte Farberlebnisse erzeugt und gruppiert (Farbenkreis). Das physikalische Kontinuum ist also schon durch die psychophysische Diskontinuität des Farbsehens aufgehoben.
So weiß man seit geraumer Zeit, daß die lichtempfindlichen Zeller in der menschlichen Netzhaut drei Arten von "Photorezeptoren" für Licht mit den Wellenlängen "Blau", "Grün" und "Rot" enthalten. Inzwischen ist es sogar gelungen, jene Gene im menschlichen Erbgut ausfindig zu machen, die die Bauanleitung für eben diese Rezeptoren liefern (Oehler 1986).
Das Leben hat Wahrnehmungs- und Mentalstrukturen erzeugt, die den Organismus über die Außenwelt informierten und ihm somit ein "Weltbild" vermittelten, lange bevor es Sprache gab. Es ist unbiologisch, anzunehmen, daß mit dem Entstehen der Sprache eine Ordnung, die sich in Jahrmillionen entwickelt und bewährt hat, umgekrempelt würde, ja, daß die verschiedenen Sprachen je ihre eigene Ordnung gewissermaßen nach Belieben anstelle der alten hätten setzen können. Man wird ganz im Gegenteil davon auszugehen haben, daß zunächst das, was schon wahrnehmungsmäßig und handlungsmäßig klar auseinandergehalten wurde, jetzt auch wortsprachlich unterschieden wurde. Gerade weil wir über ein Art-Wissen verfügen (z.B. die menschliche Farbwahrnehmung), das von den mehreren tausend Sprachen der Welt nicht einfach ignoriert, sondern lediglich überbaut wird, haben wir auch ein tertium comparationis, mit dessen Hilfe wir diese Sprachen vergleichen können. So ist an den Farbwörtern längst nachgewiesen, daß sie eben nicht das Farbspektrum willkürlich segmentieren, sondern sich am psychologischen Farbenkreis orientieren, auch wenn nicht alle Sprachen für alle Grundfarben Einzelwörter bereithalten (vgl. Hohenstein 1980). Offensichtlich folgen die einzelsprachlichen Ordnungen durchaus dem Pfad, den ihnen der entwicklungsgeschichtlich ältere Wahrnehmungsapparat vorschreibt, wenn auch, durch manche geschichtliche Zufälligkeiten bedingt, nicht immer in optimaler Weise. Sprache ist in erster Linie nicht das bildende, sondern das nachbildende Organ der uns völlig unbewußten Farbverrechnungen unseres Gehirns.

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Geschmack und Geschmackswörter

Nehmen wir ein weniger abgegriffenes Beispiel: das Quartett der Geschmacksempfindungen. Geschmacksknospen an der Zungenspitze melden die Empfindung "süß", an den Rändern "sauer", "salzig" vorne am Rücken der Zunge und "bitter" am Zungengrund (Ganong 1971). Und es gibt gute Gründe, daß wir so unterscheiden. Sollte es etwa Zufall sein, daß uns gerade die wichtigsten biologischen Energiespender süß, also gut schmecken? Daß gerade das bitter schmeckt, was giftig ist? (vgl. v. Ditfurth 1976; Nachtrag im Jahr der Weinpanscher: Diäthylenglykol schmeckt zwar süß, kommt aber unter natürlichen Bedingungen nicht vor.)
Postulieren wir einmal Sprachen, die diese vier Grundrichtungen des Geschmacks nicht eindeutig bezeichnen. Vielleicht spalten diese Sprachen die Empfindung "bitter" terminologisch auf, ohne einen Oberbegriff "bitter" zu bilden, oder kennen etwa für "süß" und "sauer" nur eine Bezeichnung. Wie plausibel wäre dann wohl die leicht prüfbare Annahme, diese Menschen könnten die vier von der Biologie als primär herausgestellten Geschmacksarten nicht unterscheiden? Im Grunde handelt es sich doch um einen linguistischen Schönheitsfehler. Denn die Sprache wird immer Mittel bereithalten: das klar Empfundene mitzuteilen. Umgekehrt kann das Vorhandensein einer klaren Bezeichnung eine Unterscheidungshilfe, vor allem aber Merkhilfe sein. Aber das Nichtvorhandensein, die einzelne Wortlücke. wird oft gar nicht wahrgenommen, weil man auf den betreffenden Tatbestand auch anders verweisen kann. Wer nicht mehr hungrig ist, ist satt; wer keinen Durst mehr hat, ist . . . Sind die Deutschen darum das ewig durstige Volk, weil uns ein Einzelwort für das Nicht-mehr-durstig-sein fehlt?

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Vorsprachlich gedeutete Welt

Wir nehmen also an, daß die Sprache zunächst die Orientierungsformen und Handlungskompetenzen, die das Überleben der Art bisher gesichert haben, nicht auf den Kopf stellt, sondern unterstützt und weiter ausbaut. Auch heute noch ist der Vorrang der ratiomorphen Leistungen, denen die Sprache oft nur mühsam nachfolgen kann, erkennbar, und zwar immer da, wo es um das Beschreiben geht. An manchen Stellen helfen die exaktesten Wegbeschreibungen nicht weiter, wir brauchen zusätzlich eine Wanderkarte, um zu wissen, welcher Weg gemeint war. Mancher Bauer sieht sofort, ob mit seiner Kuh etwas nicht stimmt: wiederum ein Gesamteindruck, unbewußt verrechnete Kombinationswerte, die sich zu einem Muster verknüpfen. das er sprachlich nur näherungsweise fassen könnte. Versuchen wir einmal, eine einfache Blume einem imaginären Partner zu beschreiben, der diese nicht kennt. Wie schnell würden wir kapitulieren! Was würde dabei herauskommen, wenn wir ihn bäten, nach unserer Beschreibung eine Zeichnung zu fertigen! Viele von uns erkennen oft schon am Geräusch eines Motors, um welchen Wagentyp es sich handelt. Könnten wir die verschiedenen Geräusche, die uns doch so vertraut sind, auch einigermaßen befriedigend verbalisieren?
Solange es sich um grundlegende Erfahrungen handelt, ist die Priorität der durch den ratiomorphen Apparat gedeuteten Welt eindeutig, und wir können uns mit Anne Sullivan, der Lehrerin der taubblinden Helen Keller, über die gelehrten Herren mokieren, die ein Problem sehen, wo keines ist:
"He asked me how I had taught Helen adjectives and the names of abstract ideas like goodness and happiness. These same questions had been asked me a hundred times by the learned doctors. It seems strange that people should marvel at what is really so simple. Why, it is as easy to teach the name of an idea, if it is clearly formulated in the child‘s mind, as to teach the name of an object. . . . If his experiences and observations hadn‘t led him to the concepts small, large, good, bad, sweet, sour, he would have nothing to attach the word-tags to . . . . If you give a child something sweet, and he wags his tongue and smacks his lips and looks pleased, he has a very definite sensation; and if. every time he has this experience, he hears the word s w e e t. or has it spelled into his hand, he will quickly adopt this arbitrary sign for his sensation . . ." (Keller, S. 291 f.).
Nehmen wir diese Beobachtungen einer begnadeten Lehrerin, die man an Ort und Stelle ausführlich nachlesen sollte, als Illustration des Kantschen Satzes: "Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens zu bringen" (Kritik der reinen Vernunft, Werke III, S. 311).
So ist schon der Sprachdeterminismus durch vielerlei Alltagserfahrung widerlegt. Er ist ja nichts anderes als die Umkehrung jener naiven Abbild-Theorie, nach der die Sprachen nur unterschiedliche Nomenklaturen für die Dinge der Welt bereithalten.

 Ursache  ---------->  Wirkung

die Dinge bzw.
aufgefaßte Welt,
Erfahrung,                Sprache
im Denken
verarbeitete Welt

Abb. 1: Abbildtheorie
 

Sprache ----------->  Erfahrung
aufgefaßte Welt

Abb. 2: Sprachdeterminismus

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Begriffsbildung ohne Sprache

Das bisher Gesagte läuft darauf hinaus, daß Begriffsbildung vor der Sprache und ohne sie nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Denn ohne ratiomorphe Zusammengriffe von Erfahrung wäre auch verbal-rationale Begriffsbildung unmöglich. Auch dem sprachlosen, taubstummen Menschen eignet wie allen anderen Lebewesen die Fähigkeit, Begriffe zu bilden, auf denen alle rationale Erkenntnis aufruht. Denn Begriffsbildung meint jenen Grundvorgang des Zusammengreifens von Erfahrungen, die in einer oder mehrerer Hinsicht als gleich wahrgenommen werden, einen Grund-Vorgang, der überhaupt erst Orientierung in der Welt ermöglicht. Der Prozeß der generalisierenden Abstraktion, die "Aufmerksamkeit für Gleichheiten", wie Mauthner die Begriffsbildung beschreibt, beginnt schon bei den Einzellern.
Dabei hat jedes Lebewesen arteigene Erlebnisqualitäten und Zusammengriffe von Erfahrung, verfügt somit über ein Artwissen, konstruiert sich eine arteigene Umwelt, der jedoch immer etwas in der Außenwelt auf irgendeine Weise entsprechen muß, sonst könnte die Art nicht überleben. So müssen höher entwickelte Lebewesen eine Fülle von Ereignissen sinnvoll gruppieren und unterscheiden können, die wir etwa als Futter, Beute, Feind, Artgenosse, Geschlechtspartner usw. bezeichnen.
"Unterscheiden", "abstrahieren", "vergleichen", "gruppieren" meinen denselben Prozess der Begriffsbildung, in dem wir aus dem Fluß des Erlebens gleichartige, sich wiederholende und wiedererkennbare Erlebnisse aussondern und relativ verläßliche Beziehungen zwischen ihnen herstellen.
Die Wahrnehmungspsychologie spricht von "perzeptiven Kategorien". Die Welt kommt also immer schon durch unsere Sinnesorgane geordnet zu uns. Allerdings nicht im Sinne eines reinen Konstruktivismus, als ob eine Art sich ihre Welt völlig selbstherrlich erschaffen könnte. Denn die Regelmäßigkeit des Erlebens muß mit der physikalischen Ordnung regelmäßig verknüpft sein. "Was man von dieser Welt lernen kann, das ist ihre Ordnung . . . zu lernen ist vom Chaos nichts" (Riedl 1981, S. 84). In diesem Sinne ist es durchaus berechtigt, von einem "Abbild" der Welt zu sprechen, ohne in die Falle des naiven Realismus zu tappen, und zugleich von einer Konstruktion arteigener Welten. Nach Lorenz (1983, S. 54) ist "jede Angepaßtheit von Merkmalen, sei es nun ein morphologisches oder eins des Verhaltens, an eine bestimmte Gegebenheit der Umwelt in einem sehr bestimmten Sinne eine Abbildung dieser Gegebenheit."
Nehmen wir ein Beispiel von Riedl (1981, S. 92), um die Leitfunktion des ratiomorphen Apparats auch für die Sprache zu verdeutlichen.
"Die weitaus kompliziertesten Verrechnungen aber leistet die Abstraktion der Gestalt. Auch sie operiert mit dem Stetigkeitsgrad von Koinzidenzen und abstrahiert aus den höchst komplexen, hierarchischen Lagebeziehungen der Merkmale das Unstete vom Steten; sie eliminiert das sich Wandelnde und gewichtet das Kennzeichnende. Man muß sich vor Augen halten, wie viele Merkmale, etwa beim Netzhautbild der Umrisse ein und derselben Hauskatze verschwinden und wieder auftauchen, und in welch erstaunlichem Maße sie mit deren Haltung, mit der Perspektive und Entfernung variieren (Abb. 3). Dabei weiß man, daß das wirklich Stetige solcher Gestalt so versteckt und so schwer rational zu fassen ist, daß wir das erforderliche Hintergrundwissen noch in keinem Computerprogramm zu speichern vermöchten. Und dennoch leistet diese Verrechnung der Ergänzung, Abstraktion und Wägung unser Vorbewußtes, ebenso wie des Affen oder des Hundes. Ja, wir haben Grund zur Annahme, daß schon Fische die Gestalt aus ihren Variationen abstrahieren."
Das, was als Einheit ins Bewußtsein tritt und hier schließlich mit der Wortmarke "Katze" versehen wird, ist bereits ungeheuer kompliziert. Möglich, daß ein Kind zunächst Wauwau sagt, und zwar für Hund, Katze und Kuh zugleich. Das ist eben ein anderer, durchaus sinnvoller Zusammengriff und Vergleich, etwa: alle mir bekannten Vierbeiner nenne ich Wauwau. Differenzierung und Anpassung an die Einteilung der Erwachsenensprache erfolgen in weiteren Schritten.
Das Beispiel "Katze" aber beweist, daß selbst einfachste Begriffe, die sich auf Gegenstände der Sinneserfassung beziehen - also sog. Konkreta in vielfacher Weise zusammengesetzt sind und darin komplizierten Abstrakta wie "Bruttosozialprodukt", die nur dem mit Sprache begabten Menschen möglich sind, in nichts nachstehen. "Wenn wir den Begriff definieren als das Integral der ihn fundierenden Teilvorstellungen, so leuchtet ein, daß schon das simpelste Sinnending aus dem Bereich alltäglichster Erfahrung eine Fülle solcher Aufbauelemente am Werk zeigen wird" (Kainz 1965, S. 171).

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Geist und Sprache: ein Kreisprozeß


Abb. 3: Konstanz-Wahrnehmung der Gestalt. Obwohl für die Netzhaut Bilder von gezeichneten Figuren in hohem Grade unterschiedlich sind, wird deren Betrachtung, durch die Abstraktion und Ergänzung in der Gestalt-Wahrnehmung, dennoch zu dem Schlusse führen, daß es sich in allen Gestalten um gleiches, ja um dasselbe handelt. Jede Darstellung erweist sich aus dem gesamten Hintergrundwissen über den Gegenstand komplettiert.

Die schon vor der Sprache ausgebildeten Wahrnehmungs- und Mentalstrukturen bilden also mit ungleich größerem Recht einen "Weltbildapparat" (Lorenz 1973, S. 18) als es die Sprache vermag. Denn was wäre denn nun das "Weltbild" der deutschen Sprache? Obwohl sich seit Humboldt Generationen von Forschern daran versucht haben, sind die Antworten bis auf den heutigen Tag recht blaß geblieben. Denn das sprachliche Weltbild bzw. die Weltansicht ist keineswegs ein geschlossenes Ganzes, das irgendwie charakterisierbar wäre, sondern entpuppt sich als bloße Addition vieler disparater Elemente und Gruppierungen der Sprache. die im einzelnen - wie an den Farbwörtern gezeigt durchaus verhaltenswirksam sein können — aber nicht müssen.  Das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein bestimmter Wörter und Ausdrucksmöglichkeiten kann das Denken stützen, leiten, fördern oder hemmen, je nachdem. Wir müssen ein lineares Ursachendenken aufgeben und stattdessen kreisförmige, rückbezügliche Abläufe zwischen Kognition und Sprache postulieren. Entwicklungsgeschichtliche — und logische Priorität hat der Lorenzsche Weltbildapparat. Er ist zumindest in Teilbereichen detailliert ausgearbeitet, indem etwa die Sehwelt, die Riechwelt oder die Sozialität des Menschen von den entsprechenden "Eigenwelten" anderer Tiergattungen deutlich abgehoben werden kann Ihm folgt die Sprache zunächst, Dann aber entsteht ein Kreisprozeß, in dem die Sprache umgekehrt auf den Geist, auf Empfinden, Wahr nehmen und Wollen zurückwirkt und selbst Begriffe erzeugt. Erst dadurch kommt der Geist zu sich selbst, und es entfaltet sich voll die bewußte Vernunft" die immer auch schon sprachlich ist.
Dieser Gedanke ist auch schon hei Humboldt angedeutet. Zwar bleibt Humboldt widersprüchlich Man könne sich Geist und Sprache nicht identisch genug denken. "Wenn wir lntellectualität und Sprache trennen, so existiert eine solche Trennung in der Wahrheit nicht" (S. 415). Über eine Priorität lasse sich nicht entscheiden.
An anderer Steile jedoch heißt es, daß die "selbstthätigen Geistesbewegungen  der Bildung des Begriffs mit Hülfe der Sprache vorausgehen" (S. 422). Oder auch: "Das Bedürfnis eines Begriffs und seine daraus entstehende Verdeutlichung muß immer dem Worte, das bloss der Ausdruck seiner vollendeten Klarheit ist, vorausgehen" (S. 398). Auch beschreibt er den Weg der Sprache als einen, der "vom Geiste ausgehend. auf den Geist zu rück wirkt" ( S. 426).
Diese Formel der Rückwirkung gebraucht Humboldt immer wieder. Der Geist ist Erzeuger bzw. Ursache, Sprache das Erzeugnis bzw. die Wirkung, die aber zugleich Rückwirkung, also selbst wieder Ursache ist. So hat Humboldt den mono-kausalen Wirkungspfeil durch die Wirkungsschleife ersetzt, ein Denkmodell, das nicht nur für die Beschreibung von Ökosystemen, sondern auch für das Verständnis menschlichen Zusammenlebens besser taugt.
Wie intensiv aber die Sprache auf das Denken zurückwirkt, wie gebieterisch sich ihm sprachliche Setzungen aufdrängen. das wird von Fall zu Fall und von Bereich zu Bereich höchst unterschiedlich sein. Der Einfluß der Farbwörter scheint mir geradezu vernachlässigenswert. Für jeden farbtüchtigen Menschen ist die Farbwahrnehmung selbst weitaus reichhaltiger und mächtiger als es seine Sprache je sein könnte. Wollten wir, was uns das Auge mühelos liefert, sprachlich nachzeichnen, es würde uns selten gut genug gelingen. Und dies trotz der mannigfaltigen sprachlichen Möglichkeiten, über die einfachen Farbadjektive hinauszugehen:  durch Verbindungen mit dem Farbträger (ocker, rostbraun, aprikosenfarben), durch abschwächendes Suffix (bläulich, rötlich), durch Zusammensetzung zur Bezeichnung von Übergängen (braunrot, blaugrün). Ober Farbtöne und -muster verständigen wir uns eben besser durch Vorweisen als verbal Aber überall da, wo wir nichts unmittelbar vorweisen können, in den feineren Abstufungen des Gefühlslebens und im ganzen geselligen und geistigen Leben, sind sprachliche Vorprägungen unvergleichlich wirksamer.
Man kann diese Rückwirkung auf das Denken auch als einen Prozeß der Verselbständigung betrachten. Unentwickeltes sprachloses Denken ist als ein kurzes Zurücktreten vom Handeln zu verstehen, das unmittelbar zum Handeln zurückführt. Denken im Medium der Sprache gewinnt dagegen ein ungeheures Eigengewicht. Wir können das sprachlich Fixierte im Geist frei kombinieren, räumlich und zeitlich weit voneinander getrennte Vorstellungsdinge denkend zusammenführen, hin- und herbewegen, umkehren, mischen, verknüpfen, fallen lassen, wieder hervorholen. So entsteht eine Eigendynamik, in der allein die Sprache. nicht aber mehr die praktische Erfahrung das Denken vorantreibt.
Hieraus erklärt sich auch die poetische Kraft der Sprache, ihre Souveränität und Freiheit im Umgang mit unserer Wirklichkeit und Sinnlichkeit:

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Golden wehn die Töne nieder

Aber die Schönheit dieser Sprache kann nur fühlen. ihrer Melodie nur nachgehen, wer Augen und Ohren hat. die ihm das Glück der Farben und die Freude des Wohlklangs zuallererst gegeben haben. Auch hier also sprachliche Rückwirkung.
Phylogenetisch müssen die Ursprünge des Denkens im Handeln und den damit zusammenhängenden perzeptiven Begriffsbildungen zu suchen sein. Das noch sprachlose Denken wäre stellvertretendes handeln durch Verknüpfen innerer Vorstellungsbilder. Das Kleinkind kann einen Bauklotz an eine bestimmte Stelle setzen und das Resultat zur Kenntnis nehmen; bald kann es dies aber noch vor dem eigentlichen Handeln allein in der Vorstellung tun und das Resultat denkend vorwegnehmen. Erst danach entwickelt sich das zunächst noch eng am Handeln orientierte Denken im Medium der Sprache. Die Geburt der Sprache aus dem Handeln zeigt untrüglich ihre grammatische Tiefenstruktur an, wie sie am klarsten von Fillmore (1 968) herausgearbeitet wurde. In dem Augenblick aber, wo das Wort den vorgestellten Gegenstand vertritt, entsteht eine Eigendynamik, die das praktische Handeln weit hinter sich läßt. "Wo aber Sprache vorhanden ist, da ist sie aus den geistigen Prozessen nicht mehr zu eliminieren" (Gipper 1978. S. 26).

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Die Vordenkerrolle der Sprache

Streiflichter aus dem kindlichen Spracherwerb sollten zeigen, wie die Sprache auf das Denken zurückwirkt und es vorantreibt. "Denni Huhle" (Jenny ist in der Schule) berichtet der dreijährige Nico über seine Schwester, die gerade ihren ersten Schultag erhebt. Er gebraucht das Wort, aber was sagt es ihm? Es wird noch viel Zeit vergehen und bedarf noch mannigfaltiger Erfahrungen, bis sich aus den ersten Anfängen zu dem Begriffswort auch ein adäquater Begriffsinhalt gesellt. Dies wird ein Gemisch aus Primärerfahrungen sein (Jenny hat einen "Schulranzen", er sieht sie bei den "Schularbeiten", irgendwann kann man ihm auch Jennys Schule zeigen) und solchen, die ausschließlich im stellvertretenden Medium Sprache ablaufen (Nico ist dabei, wenn Mama und Jenny sich über die Schule unterhalten; dann werden neue Begriffe rein sprachlich induziert, "Lehrer" "Unterricht" usw.). Das neue Wort ist ein Kristallisationsfaden, dem sich sowohl praktische Erfahrung wie auch weitere Wörter anlagern. Bekannt ist. wie Kinder dressiert werden, auf die Frage: "Wie alt bist du?" zu antworten: Brav strecken sie dann zwei Fingerchen in die Luft und sagen "swei". Aber die Dressur trägt Früchte. Aus rudimentären Begriffen wächst über die mannigfaltigsten Anwendungen, in denen das Kind ständig vergleicht, abstrahiert, Muster bildet, sie anreichert oder verwirft, ein Verständnis für Zeit, Zahl, Geburtstag usw. Ebenso wie das Leben selbst nach dem fundamentalen Grundsatz verfährt: eine Hypothese ist besser als gar keine, und damit immer schon Ordnung in dem Geschehensgewühl "da draußen" erwartet, so scheint auch dem Kind ein Denkzwang mitgegeben zu sein, in die Wörter einen Sinn zu schieben. Von klein auf ist der Mensch das sinnstiftende Wesen par excellence.
Einblicke in die kindliche Sinngebung erhalten wir durch die bekannten Fehldeutungen, die uns so amüsieren. Sie zeigen uns aber auch an, daß die Sprache das Denken auf den Weg gebracht hat. Wir erinnern uns gern an das kindliche Rätseln über die großen Geheimnisse des Lebens: Zeugung, Geburt, Heirat. Tod.
Gisa, 3: "Ich hab heut Geburtstag." Katrin, 4 1/2: "Wo hasse denn Geburtstag, oben oder unten?" (Wo sind denn die Geschenke? Haften am Anschaulich-Konkreten)
Gisa zur Oma: "Bist du auch eine Mutter?" - "Ja, und das ist mein großes Kind." - "Ist doch mein Papa!" (Relationale Begriffe, Perspektivenwechsel, Abarbeiten der Egozentrik)
Die dreijährige Gisa betrachtet das Foto ihrer Mutter auf dem väterlichen Schreibtisch. "Wo waren wir da?" - "Ich war da mit Mama in Frankreich, aber du warst noch nicht da." - "Da war ich noch ein kleines Baby!" (Dies keine Frage, sondern sehr entschieden behauptet.) "Nein, du warst noch gar nicht da, damals lebtest du noch nicht." (Pause) "Warst du da traurig?" - "Wir hatten noch keine Gisa, aber wir wollten dich gerne haben." (Solche Ereignisse sind Keimzellen unserer Begriffe von Zeit und Negativität).
"Das ist der Soldatenfriedhof." - "Wo sind denn die Soldaten?" "Die sind begraben, die liegen jetzt unter der Erde." - "Was machen die da?" (Das Noch-nicht-Sein wird ergänzt durch eine Ahnung des Nichtmehr-Seins)
Aus Bernt von Heiselers Autobiographie (1971, S. 175): "Daß ich sterben muß, wird die Mama nie erlauben!" (Kontrapunkte: Urvertrauen und der Tod als Schmach des Menschen)
Die Vordenkerrolle der Sprache ist ebenso hei wohlvertrauten alltäglichen Verrichtungen ersichtlich. Jeden Tag bettelt das Kind darum, daß die Eltern ihm vorlesen, verwendet also das Wort "lesen" sprachlich einwandfrei. ohne jedoch eine richtige Vorstellung vom Lesevorgang als solchem zu haben. - Seit einiger Zeit hat sich der dreijährige Nico angewöhnt, manche Fragen mit "Ich au nich weiß" zu beantworten. Es ist nicht immer klar. ob Nico tatsächlich die Antworten nicht weiß oder ob er einfach nicht gestört werden will. Falls er nun tatsächlich die Antwort auch rein abwehrend gebraucht: ist ihm bewußt, daß er hier "unehrlich" ist? Sitzt ihm tatsächlich der Sehalk im Nacken. oder muß er noch hinzulernen, zwischen Nicht-Auskunft-geben-können und der Bitte, in Ruhe gelassen zu werden, zu differenzieren? Analog der Art, wie er zwischen Wauwau, Katze und Kuh zu differenzieren lernt?
Wie kommt das Kind überhaupt zu dieser Formel? Es übernimmt sie allerdings nicht wörtlich — von den Erwachsenen. Es muß die vielen Situationen. in denen Erwachsene ihm gegenüber diese Formel gebraucht haben, soweit durchschaut haben. daß es aus ihnen Vergleichbares abstrahieren konnte, etwa so: ".Ich weiß es auch nicht", sagt man. "wenn man nichts mehr folgen läßt". bis hin zu "wenn man keine weitere Antwort geben kann/will." Erst durch eine lückenlose Aufzeichnung aller Kommunikationssituationen. an denen das Kind beteiligt ist, könnte man die verschiedenen Stadien bei der Herausbildung eines solchen Sprechaktes aufdecken.
Hier gilt lediglich aufzuzeigen, wie sieh Denken und Sprechen spiralartig in die Höhe schrauben, sich gegenseitig anstoßen und aneinander entwickeln, bis Begriffe wie Amnestie, arglos, promovieren usw. möglich werden. die ohne Sprache ganz undenkbar sind und eine hochentwickelte menschliche Kultur voraussetzen.
Wir brauchen nicht mehr vor das konkrete Ereignis gestellt zu werden. sondern bilden neue Begriffe aus rein sprachlichen Zusammenhängen. "Die weitaus größte Zahl von Zeichen (für Begriffe) erlangen ihre Bedeutung nicht durch direkte Assoziierung mit dem Gegenstand selbst, sondern auf dem Weg über andere Zeichen". die Osgood assigns (von ad-signum) nennt (Oerter 1969. S. 465). So haben wir uns viele "Erfahrungen" nur sprachlich erschlossen und reden davon nicht anders als die taubblinde Helen Keller von Sonne, Mond und Sternen - per Analogieschluß. In diesem Sinne ist ein Großteil unseres Wissens Halbwissen, sind die meisten unserer Urteile Vor-Urteile.

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Sprache als Feind des Denkens

Da wir allein aus der Sprache lernen können, können wir uns bewährte Erfahrungen der anderen zunutze machen, Im Gegensatz zum Tier können wir ein Menschenleben durch die sprachliche Hineinnahme unzähliger fremder Erfahrungen millionenfach potenzieren. So entsteht neben der biologischen die zweite, die kulturelle Evolution.
Aber die Möglichkeit, Erfahrungen allein im Medium der Sprache zu machen, hat auch ihre Schattenseiten. Wenn Sprache das Denken beeinflussen kann, dann sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht. Denn die Sprachen schleppen nicht nur die Schätze, sondern auch den Schutt von Jahrhunderten mit. Die Opposition "Fachwissenschaft - Fachdidaktik" ist nur eine der zahllosen Halbheiten und Inkonsequenzen, die uns unser Wortschatz anbietet. So zieht sieh Sprachskepsis durch die gesamte abendländische Tradition. "Words stand in the way" formulierte Francis Bacon im New Organon, wenn immer sich eine neue Sichtweise durchsetzen will, und Jahrhunderte später fast gleichlautend bei Nietzsche (Morgenröte, S. 47) "Die Worte liegen uns im Wege! . . . Jetzt muß man bei jeder Erkenntnis über steinharte verewigte Worte stolpern und wird dabei eher ein Bein brechen als ein Wort."
Wo Sprache und Denken nur noch in sich selbst kreisen, ohne Rückbindung an die Erfahrung, geraten wir leicht ins Schwindeln - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Dann müssen wir die Spirale der Abstraktion zurückwandern oder, wie es Heine in seiner Harzreise sagt, "das klare Gold der Anschauung für das Papiergeld der Bücherdefinition mühsam einwechseln," Kinder müssen den Weg zur erlebten Realität voll und ganz zurücklegen, daher die beliebten Definitionen im Stil von "Geiz ist, wenn der Onkel . . ." Dann erst wird sich zeigen, ob für das Papiergeld unserer Abstraktionen auch eine Golddeckung besteht.
Auch dies mögen die Farbwörter illustrieren. Wo infolge schwankenden Gebrauchs Mißverständnisse entstehen, hilft letztlich nur das Vorzeigen: "Dies nenne ich purpur, das ist eher violett, und das lila." Weil uns dies Mittel fehlt, sind auch gewisse Widersprüche in der Farbwortverwendung der Griechen und Römer nicht mehr aufklärbar (vgl. Gipper 1957). Wer meint, "mit der Sprache als solcher schon die Erkenntnis der Welt zu haben", huldigt dem bloßen Verbalismus, der Herrschaft der Terminologie, und damit der "totalen Verkehrung des Menschen in der Sprache durch die Sprache", die sich nach Jaspers (1964) wie eine eigene Welt zwischen ihn und das Sein stellt.
Es gibt wunderschöne Experimente. die bestimmte starre Erkennungsmuster einzelner Tierarten entlarven. So flattert der Kaisermantel-Falter hinter einer gelb-braun gestreiften rotierenden Walze statt hinter seinem Weibchen her, weil sie noch deutlicher den charakteristischen rhythmischen Farbwechsel zeigt, auf den sein Instinkt programmiert ist. Der Kaisermantel wird vom Experimentator gefoppt, der seine hinterhältigen Attrappen baut. Nur der Mensch hat den Dreh gefunden, sich selbst seine Attrappen zu bauen - in der Sprache. Er ist das einzige Wesen, das auf seinen eigenen Blödsinn hereinfällt.

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"Der Geist ist mehr als die Sprache" (Wandruszka)

Das Problem der Sprache muß vom Standpunkt der Evolutionstheorie neu durchdacht werden. Der immer noch nachwirkende Gedanke, daß das Denken ohne Sprache seiner Natur nach chaotisch sei ("la pensee, chaotique de sa nature" (Saussure)) ist schlicht falsch. Ratiomorphe lnformationsverarbeitung und geordnete Lebenswelten existieren im Tierreich lange vor dem Auftreten des sprachbegabten Menschen. An diese Ordnungen knüpft Sprache an, von ihnen bleibt sie abhängig. Die stammesgeschichtlich ältere ratiomorphe Informationsverarbeitung wirkt bis in die Sprache selbst hinein: Zwar wissen wir gewöhnlich, was wir sagen und warum wir dieses Wort und nicht ein anderes gewählt haben — aber wie wir heim Sprechen unsere Wörter zusammensetzen. d.h. also das komplizierte Regelwerk der Grammatik, ist uns normalerweise nicht bewußt.
Sprache ist nicht nur Werkzeug des Denkens, sondern kann rückwirkend das Denken beeinflussen. Dennoch: Sprache ist das Medium des Denkens. nicht das Denken selbst. Was so eng zusammengehört, ist oft schwer auseinanderzuhalten. Gewiß ist es berechtigt, von der Sprache des Nationalsozialismus zu sprechen. Aber nicht die Sprache ist das Böse, sondern der sich in ihr artikulierende Geist, der sich die ihm gemäße Sprache schafft. Das Gift der Wörter ist das Gift der Denkweisen, Einstellungen, Haltungen. Gerade weil sich das Denken in der Sprache ein so hervorragendes Werkzeug geschaffen hat, bleibt es letztlich Herr über die Sprache. Denn Sprache ist ein offenes System, stets korrigierbar, erweiterbar, veränderbar. "Worte sind in ihrem Sinn unendlich beweglich, ständig metaphorisch bezogen und neu beziehbar, nie selber ein letztes Fundament" (Jaspers 1964. S. 18). Schöpferisches Denken nützt diese Beweglichkeit, reizt die Möglichkeiten der Sprache aus, läßt sich ein Stück von ihr führen und verfeinert und überspielt sie, wenn nötig. Nur der Denkfaule macht sich ihr untertan.

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Nachtrag: Evolutionäre Erkenntnistheorie und der Kongreß der Philosophen

Unlängst befaßte sich eine Philosophen-Tagung in München ausschließlich mit dem Thema Evolutionäre Erkenntnistheorie (Spaemann u.a., 1984). Man war dagegen. Die evolutionäre Erkenntnistheorie ist zirkulär, "philosophisch" naiv, am Ende ist sie gar keine Erkenntnistheorie "im philosophischen Sinne".
Entkleidet man die Texte von allem Abgeleiteten und auch von ihren "grammatischen" Schwindeleien (Kambartel!). so bleibt doch nur eine Aussage zurück, die jedermann nachvollziehbar ist: Ob ich nun forsche oder philosophiere. die Sprache ist immer schon da. Das ist die schlichte Erkenntnis unserer philosophischen Igel. Sprache ist daher nicht, nur Gegenstand der Forschung, sondern zugleich die Bedingung ihrer Möglichkeit. Auch die evolutionäre Erkenntnistheorie, die der Sprache einen Platz in der Geschichte des Lebens anweisen will, setzt dabei Sprache schon voraus. Denn all unser geistiges Tun steht schon im Zeichen der Sprachlichkeit. Ehen darum gilt ein nicht mehr hintergehbares Sprachapriori. Oder transzendentalphilosophisch: die Vernunft kann sich nicht selbst erklären. Dazu bedürfte es ja eines Standpunktes außerhalb ihrer selbst.
So ist die Herkunft der Vernunft unerklärbar. Evolutionäre Erkenntnistheorie ist von vornherein ein unmögliches Unterfangen. Erstaunlich nur, daß, wer so denkt, immer noch weitererklärt, wo er doch schweigen müßte.
Wer den Gedanken der Evolution ernst nimmt, kommt notwendigerweise zu anderen Schlüssen:
Das Hirn ist ein Produkt der Evolution (und nicht zugleich auch ihre Bedingung). Das Hirn selbst ist aber der Träger allen geistigen Lebens, das mit ihm erlischt. Ja es erlischt schon mit dem Absterben der Großhirnrinde, wie das grausame Schicksal von Appalikern zeigt.
Die Sprache ist ein Spätprodukt des Lebens, ebenso wie das menschliche Gehirn, an dessen Existenz sie gebunden ist. Sie unterliegt damit den Gesetzen der Evolution. Sie ist ein stammesgeschichtliches Aposteriori. Sie ist damit hintergehbar, ableitbar, beschreib bar und kein letztes Geheimnis.
Ihr Wesen ist gerade, daß wir uns in ihr und durch sie zu uns selbst - und das heißt zugleich: zur Sprache selbst - verhalten können. Sie erst macht das Denken des Denkens möglich. Das wiederum heißt doch nichts anderes, als daß wir vermöge der Sprache über die Sprache selbst hinausgehen können. Wer diese Möglichkeit bestreitet, nimmt ihr den Adel, den er ihr gehen wollte.

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Literatur und Quellen

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