Wolfgang Butzkamm

Der Lehrer ist unsere Chance
Wie Schüler ihren Fremdsprachenunterricht erleben

Rezension von Ursula Karbe in Praxis Fremdsprachenunterricht 3/2006, S. 67f.

 

 

 

 

 

 


 

 

Wolfgang Butzkamm gebührt großer Dank, denn er hat den Mut aufgebracht, die wenig erfreuliche Situation im Fremdsprachenunterricht unseres Landes einmal sehr deutlich und schonungslos zu charakterisieren, zugleich aber auch Wege aufzuzeigen, die aus dieser z. T. chaotischen Misere herausführen.

Wie Schule wirklich ist, was Schüler und Lehrer im Unterricht erleben, dazu hat er über 400 Aufsätze seiner Aachener Studenten, die aus ihrer eigenen Schulzeit berichten, und über 100 Reportagen über Unterricht, den die ehemaligen Schüler als Praktikanten beobachtet haben, analysiert. Im Ergebnis entsteht ein Bild des Schulalltags der Fremdsprachenfächer, “in dem Glanz und Elend oft in derselben Schule dicht beieinander wohnen" (Vorwort S. 5): Da gibt es einen „herzerwärmenden", begeisternden Unterricht, „danach aber betritt ein Kollege ... die Klasse, und es sträuben sich einem die Haare." (ebd.)

Wo Schwächen und Defizite im Detail liegen, schildert Butzkamm - sehr anschaulich unterstützt durch zahlreiche Zitate aus den o. g. Quellen - in zwei großen und vier kleineren Kapiteln:

„Was Schüler im Unterricht erleben" verweist auf häufigste Ursachen für schlechten Unterricht bereits in den Zwischenüberschriften: „Mangelnde Sprachkunst, Mangelnde Lehrkunst, Lustlose Lehrer, Arbeitsverweigerung, Just for money, Ideologen, Alkoholiker."

Wenn aber so viele Lehrkräfte „auf leichtsinnige und verantwortungslose Art jeglichen Respekt verspielt haben, fällt es auch gestandenen Lehrern immer schwerer, sich die gebührende Achtung zu verschaffen" (S. 24). Butzkamms Forderung ist klar und eindeutig: „Lehrer, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, dürfen auch nicht unterrichten." (S.25)

Darüber hinaus ist auch „Autorität qua Amt wiederzugewinnen, weil viele Lehrer den Respekt ihrer Schüler verdient haben" (ebd. ); wichtigste Voraussetzung dafür: ein freundliches Arbeitsklima, Gemeinschaftsgeist in Klasse und Schule, nicht aber Hohn und Spott oder ätzende Langeweile.

Im Kapitel „Was Lehrer im Unterricht erleben" steht die Schul- und Unterrichtskultur im Mittelpunkt. Viele Disziplinprobleme entstehen im Unterricht selbst. Wie ihnen vorzubeugen ist, dafür hat Butzkamm einige wichtige Regeln parat: „Ein Lehrer, der sein Handwerk ... beherrscht, hat vollbeschäftigte Schüler, gibt methodisch durchkomponierte Stunden, führt Schüler zu Erfolgen" (S.38, 39). Häufig nützt aber auch die beste Vorbereitung nichts, wenn „die ruhige, arbeitswillige Mehrheit der Schüler untergeht, weil der Lehrer von einigen wenigen, aber uneinsichtigen und unbändigen Dauer-Unruhestiftern gebunden, ja gequält wird" (S. 42). Lehrer sind oft übelsten Bedrohungen und Beschimpfungen durch Schüler ausgesetzt, und es hilft wenig, dass „immer mehr Sozialarbeiter, Schulpsychologen, Therapeuten und Polizisten" an den Schulen eingesetzt werden. Butzkamms Urteil dazu lässt an Offenheit nichts zu wünschen übrig: „Ein System, das Lehrer wie Schüler in eine Lage bringt, in der die einen nicht unterrichten und die anderen nicht lernen können, hat versagt" (S. 43). Diese Tatsache sollten unsere Schulpolitiker endlich zur Kenntnis nehmen und dafür sorgen, dass Schule endlich wieder zu einem Ort wird, für den sie vor langer Zeit einmal gedacht war.

Ein weiteres Kapitel trägt die Überschrift „Die Wirklichkeit des Fremdsprachenschülers: in Deutschland". Hier geht es um die „schönen Anfänge" (S. 59), um den Stolz auf die ersten Wörter, aber auch um die oft sträfliche Vernachlässigung der Ausspracheschulung, um den noch ungenügenden Einsatz der fremden Sprache für alles, was im Unterricht zu Sprache gebracht werden kann, um die noch zu starke Grammatik-Dominanz, aber auch darum, dass man durchaus die Muttersprache als Mittel zum Verständnis struktureller Phänomene nutzen sollte, um die Rolle des Lehrbuchs, das keinesfalls allein den Unterricht bestimmen darf, sondern durch für Schüler interessante Lektüre ergänzt werden muss, um Leistungskontrollen, Klassenarbeiten usw.

Butzkamm belässt es nie beim Feststellen der Situation, sondern gibt stets Ratschläge und Tipps für eine sinnvolle Änderung der Zustände.

Der Blick in den Deutschunterricht in England kann kein Trost sein, denn die Ergebnisse dort sind ebenfalls unbefriedigend. Besserung für die Schüler verspricht in jedem Fall das Sprachenlernen im Land der Zielsprache (doch welche Eltern kön­nen sich das künftig noch leisten?). Für Lehrer fordert Butzkamm eindeutig eine bessere Ausbildung mit Eingangsprüfungen und Vorlesungen und Seminaren in englischer Sprache (für die Fachdidaktik hält die Rezensentin das nach wie vor nicht für vordringlich, denn Studenten müssen die Lehr- und Lernprozesse verstehen und lernen, sie in Gang zu setzen. Eine Metasprache, die diese Phänomene beschreibt, ist für Unterrichtszwecke nutzlos.). Eine weitere Forderung Butzkamms ist eine bessere sprachpraktische Ausbildung; diese muss allerdings auch an den Universitäten geleistet werden; es ist absolut unsinnig, wenn z. B. in Seminaren zur Sprachpraxis 87 oder gar 107 Studenten sitzen! Frühere intensive Praktika (wie es sie in der Lehrerausbildung der DDR ja schon über Jahrzehnte gegeben hat), eine viel stärker berufsbezogene Ausbildung in allen Disziplinen eines Fremdsprachen-Lehramtsstudiums sowie die Ausbildung konkreter Fähigkeiten zur Gestaltung von Unterricht in den Fachdidaktiken-„kein abgehobener pädagogischer Diskurs" (S. 143) - sind weitere berechtigte Forderungen. Zu Letzterem hätte man sich allerdings auch von den Fachdidaktiken der DDR durchaus eine Menge abschauen können. Wenn aber heute jeder Vertreter der Kultur- und Literaturwissenschaften glaubt, „das bisschen Fachdidaktik" doch ohne Probleme mit erledigen zu können, wenn die Fachdidaktiken an vielen Universitäten und Hochschulen - wenn überhaupt - nur noch mit ganz wenigen „echten" Fachdidaktikern besetzt sind, die eben nicht in der Lage sind, mit allen Studenten wöchentliche schulpraktische Übungen durchzuführen oder sie in den Praktika zu betreuen, dann muss man sich über mangelnde Qualifizierung von Lehrkräften nicht wundern; man hat diese programmiert!

Am Schluss seines Buches, das ausnahmslos allen mit Fremdsprachenunterricht Beschäftigten, vor allem auch den Schulpolitikern ans Herz zu legen ist, hält Butzkamm noch einmal ein Plädoyer für den guten Lehrer: „Leistungswille und Leistungsvermögen der Schüler sind kein Produkt der Schulform, sondern werden durch Personen wachgerufen, aber auch erstickt" (S.150). Er fordert zu Recht, die Bildungsausgaben besonders im Bereich Kindergarten und Grundschule zu erhöhen: „Was der Staat heute der Schule versagt, muss er später in den Ausbau von Drogenhilfen, Strafvollzug, Psychiatrie und Gesundheitswesen investieren" (S. 151). Trotz der von ihm nachgezeichneten dunklen Szenerie in den Schulen vertritt Butzkamm keinen Bildungspessimismus, wenngleich die Schule nicht allein die Gesellschaft heilen kann; das aber ist noch längst nicht in den Führungsgremien unseres Landes erkannt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch einen Anstoß dazu leistet.

ZURÜCK