Wolfgang und Jürgen Butzkamm

Wie Kinder sprechen lernen:
Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen.

How children learn to talk:
Child development and the linguistic nature of man.

Tübingen: Francke 2004, 3. überarbeitete Auflage 2008


 

Vorwort

Entwicklungsstufen (Poster als PDF-Datei) Poster als ZIP-Datei (1,18 MB)
Gespräche mit Kindern (Poster als PDF-Datei) Poster als ZIP-Datei (1,18 MB)

Leseprobe: Kapitel 6 - Das "Mutterische" nach Sprechbeginn: eine Art Unterricht?

Zitate

Rezensionen

Inhalt

Vorspiel

  1. Es beginnt im Mutterleib
    • Warum es "Muttersprache" heißt
    • Die Lebenswelt des Ungeborenen wird erforscht
    • Das Ungeborene hört mit
    • Die Gunst der Stunde: sensible Phase gleich nach der Geburt?
       

    Spracherwerb als Gemeinschaftsarbeit

  2. Du, ich, wir und die anderen
    • Sprache im Gesamt der Entwicklung
    • Ichbewußtsein und Selbstbezeichnungen
    • Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
    • Verläßlichkeit der Menschen und der Dinge
    • Spiegelbild und Empathie
    • "Erziehung" kommt später
    • Geborgenheit befreit
    • Was Babies uns lehren
    • Trotzen ist natürlich
    • Braucht der Säugling den Vater?
    • Das Einverständnis ungleicher Partner
    • Die Gabe der Mitmenschlichkeit
    • Kommunikativ-emotionale und sprachliche Intelligenz
    • Sicherheit durch personale Bindung
       
  3. Die Besonderheit des sprachlichen Hörens
    • Kategoriales Hören
    • Frühe Verluste des Hörens
    • Schiboleth oder Siboleth - das ist hier die Frage
    • Hören kommt vor dem Sprechen
    • Frühe Zweisprachigkeit: Phase des Zuhörens
    • Verzögerte Sprachentwicklung durch versteckte Hörprobleme
       
  4. Unterwegs zur Sprache: das erste Jahr
    • Das Baby entdeckt seine Stimme
    • Zwei Stationen: Vom Gurren und Lallen zum Silbenplappern
    • Die elterliche Suggestionsmethodik : Vom Schrei zum Ruf
    • Einstimmung, Übereinstimmung und Wechselseitigkeit
    • Wiederkehr des Gleichen
    • Vorbereitende Dressurakte
    • Handeln und Sprachhandeln - das absichtsvolle Baby
    • Sprechen: Die Fortsetzung des Tuns mit anderen Mitteln
    • Du, ich und die Dinge: vom Zeigen zum Zeichen
    • Wer hat die Hauptrolle?
    • Ständiger Wechsel in der Regieführung
       

    Weltbemächtigung durch Wörter.

  5. Die Welt wird Wort
    • Die ersten Wörter
    • Globalwörter
    • Einwortsätze
    • Helen Kellers Gedankenblitz oder das Erlebnis des Bedeutens
    • Leitmotivische Verknüpfung versus symbolische Gleichung
    • Das symbolische Spiel: Legosteine als Geldscheine
    • Die erste Lernexplosion: Wörter, immer mehr Wörter
       
  6. Das "Mutterische" nach Sprechbeginn: eine Art Unterricht?
    • Anpassung ohne grammatische Dosierung
    • Vokabelhilfen, Trennhilfen und Lehrerfragen
    • Das Prinzip der Mehrdarbietung
    • Das Prinzip des doppelten Verstehens
    • Was Eltern nicht leisten können
    • Das "Mutterische": Naturtatsache und Kulturleistung
    • Das Prinzip Freude
       
  7. Kindliche Denkwelten
    • Arteigene Welten
    • Kulturwelten
    • Jean Piagets Erschließung des kindlichen Denkens
    • Fehlende Konstanzbegriffe und Konkretismus
    • Fehlende Oberbegriffe
    • Sprache muß sich erst durchsetzen
    • Die "knabenbringende Weihnachtszeit": Kindliche Umdeutungen
    • Moralentscheidungen: Welches Kind war böser?
    • Die Ichbezogenheit bei Kindern
    • ...und bei Erwachsenen
       
  8. Wort- und Weltverständnis in Wechselwirkung
    • Das allmähliche Fortschreiten von Wort- und Weltwissen
    • Die "Tatsachen des Lebens"
    • "Warum ist das Unkraut so un?" Kinder werden sprachklug
    • "Kühne und doch richtige Wortbildungen"
    • Zwischen Tradition und Originalität
       
  9. Das Wort als Zeichen: Geniestreich der Evolution
    • Natürliche und konventionelle Zeichen
    • Die Herauskürzung der Bilder und Gesten
    • Der Trick des Abbé Sicard
    • Funktionserweiterung: der Doppelcharakter der Sprache
    • Das Wort - Versinnlichung der Idee und Erfahrungsintegral
    • Kumulative Wirkungen und Abstraktionsstufen
    • Die neue Bildlichkeit der Sprache
    • Erkenntnislust als Produkt der Sprache
    • Namenszauber: Nacht und Magie der selbstgeschaffenen Symbole
    • Erfindung der Sachlichkeit
       

    Zwischenspiel: Kinder von einem anderen Stern?

  10. Taubgeboren: Zum Spracherwerb gehörloser Kinder
    • Emmanuelle Laborit und das Dogma der Lautsprachlichkeit
    • Der Kardinalfehler: Üben statt Kommunizieren
    • Sprache und Identität: Ich gebärde, also bin ich.
    • Aus den Augen, aus dem Sinn
    • "Flüchtiger als Wind und Welle flieht die Zeit"
    • Zeit-Wörter: eine doppelte Erinnerungsspur
    • Gebärden als Erstsprache: reicher Zufluß der Wörter
    • Sprechen und Hörverstehen, Gebärden und Sehverstehen
    • Die Führbarkeit von Stimme und Hand
    • Die Lautsprache als Zweitsprache
    • Radikales Umdenken: Geben Sie Methodenfreiheit!
    • Was soll man Eltern raten?
       
  11. Hauptsache: Verstehendes Zuhören. Spracherwerb trotz Sprechlähmung
    • Christopher Nolan
    • Der Kraftakt mit dem Stirnstab
    • Christie Browns linker Fuß
    • Ein "vulkanischer Drang nach Mitteilung"
       
  12. Das Rätsel des Autismus
    • Die vermauerten Fenster
    • Wie Eulenspiegel beim Schuhmacher : Verstehensdefekte
    • Die Papageienmethode und andere Sprachfallen
    • "Botschaften aus einem autistischen Kerker"
    • Das Selbstzeugnis einer erfolgreichen Autistin
    • Geheimnisvolle Sprechblockade
    • Spracherwerb im Zeitlupentempo
    • Spracherwerb ohne Sprechen
    • Schuldzuweisungen unangebracht
       

    Grammatische Sprache als Ursprung der Freiheit

  13. Das Zweiwortstadium als Vorläufer der Grammatik
    • Drei Aspekte der Sprache
    • Keine Grammatik ohne Weltwissen
    • Grammatikalische Mutmaßungen
    • Kindlicher Telegrammstil
    • Von den Rollen im Handeln zu den Rollen im Satz
    • Vom Tuwort zum Verb, vom Urheber zum Subjekt
    • Ein übergreifendes Prinzip: Abstraktion eines Typus
    • Das Zweiwortstadium als "Protosprache"
    • Der Sprachstand einer Zweijährigen
    • Die Schrecken der deutschen Sprache - Achtung, Satire!
       
  14. Das Problem der vielen Formen. Der deutsche Plural als Exempel
    • Auswendiglernen geht nicht: die Zahlen
    • Wie man mit wenig viel erreichen kann
    • Grammatikalischer Entscheidungszwang
    • Auswendiglernen genügt nicht
    • Können statt Kennen
    • Fruchtbare Fehler und kreative Unordnung
    • Erwerb in selbstbestimmten Etappen
    • Beobachtung und Experiment
       
  15. Vom Zweiwortstadium zur Grammatik
    • Grammatik zwischen Bodenhaftung und Formenspiel
    • Systematisches Experimentieren und Probierlust - das Analogiespiel
    • Syntaktische Keimzellen: der fruchtbare Moment
    • Die Produktivkraft der Präzedenzfälle
    • Zergliederbare Sprache: kopieren, variieren, neu kombinieren
    • Ein Entwicklungsfahrplan für die Grammatik?
    • Einmischung verboten: Korrektur zwecklos
    • Kinder: wahre Esperantisten
    • Ein sinnreicher Trick: Grammatische Allzweckformen
    • Grammatische Lücken werden gefüllt: Satzgefüge
    • Die zweite Lernexplosion: die Grammatik startet durch
    • Blitzschnell verstehen, fließend sprechen
       
  16. Freiheit und Phantasie als Errungenschaft grammatischer Sprache
    • Vom Begriff zum Wort
    • Vom Wort zum Begriff
    • Der Moment des Verweilens
    • Sprache und das Vor-Urteil der Gefühle
    • Begriffspyramiden
    • Warum Kinder mit sich selbst sprechen
    • In Bildern denken
    • Konstruierendes Lernen: Operationsfeld Sprache
    • Befreiung des Denkens: der "Neinsagenkönner
    • Beflügelung der Phantasie
    • Grammatik als stützende Struktur
    • "...der Güter Gefährlichstes, die Sprache"
    • Schimpfen statt schlagen
    • Feindesliebe - nur in der Sprache?
    • Ich spreche, also bin ich Mensch
    • Sprache und Weltbild - eine Anmerkung
       

    Vielfalt des Lebens und der Lebenswelten

  17. Keins ist wie das andere
    • Vielfalt als Prinzip des Lebens
    • Vielfalt der Sprachen
    • Vielfalt des Erwerbs: von Mädchen und Jungen
    • Von Geschwisterkindern
    • Von Hochbegabten: Spracherwerb im Eilverfahren
    • Die Verschiedenheit der Temperamente und Charaktere
    • Das Schweigen der Anja-Kristin
       
  18. Die instinktive Verwurzelung und die Lehrbarkeit der Sprache
    • Gibt es eine kritische Zeitspanne für den Grammatikerwerb?
    • Zu spät: Genie und die verlorene Grammatik
    • Gute Grammatik trotz geistiger Behinderung
    • Sensible Phasen und Hirnphysiologie
    • Funktionskreise: das arbeitsteilige Gehirn
    • Konvergenz von genetischem Vorwissen und Lernen
    • Funktionskreise: das arbeitsteilige Gehirn
    • Sprache als quasi-rationale Leistung
    • Der Mensch - ein Genie des Lernens
    • Lernlust als natürliche Mitgift
    • Weltempfänglichkeit und Weltergreifung des Menschen
    • Macht ein Grammatikgen die Sprache kinderleicht?
      Die Sprachen der Welt als Dialekte einer Grundsprache
    • Die Muttersprache als Dechiffrierschlüssel für fremde Sprachen
    • Wider den Machbarkeitswahn - Warnung vor Sozialutopien
       

    Nachspiel: Pädagogik für Eltern

  19. Zeit für Menschen, Zeit für Medien
    • Eine kulturelle Revolution: das Fernsehen
    • Fernsehen total und was man dagegen tun kann
    • Ist nur der Mißbrauch schuld?
    • Vorlesen und das Prinzip des Verweilens
    • Vom Sinn der Märchen
    • Anstiftung zum Selberlesen
    • Entwicklungsschub durch Schriftsprache
    • Lesen - der natürliche Ausweg für hochbegabte Kinder
    • Sich vorlesen lassen
    • Hörkassetten
    • Besinnung
       
  20. Wie unsere Kinder verständig werden
    • Die emotionale Grundlage geistiger Entfaltung
    • Sich selbst fordern lernen
    • Interessen ausbilden: Mit Kindern musizieren
    • Durch nichts zu ersetzen: das Gespräch
    • Strategie und Taktik beim Miteinanderreden
    • Mit Kindern philosophieren
    • Auf das Kind hören
       
Epilog  


 

Vorwort


Wolfgang und Jürgen Butzkamm
 

Wie Kinder sprechen lernen
Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen.


 

Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache. (Wilhelm von Humboldt)

Die Sprache ist die bedeutendste Errungenschaft im Leben eines Menschenkindes und unter seinen großen Gaben vielleicht diejenige, die am gleichmäßigsten und gerechtesten verteilt ist. Sie ist unser wichtigstes Organ zur Aneignung der Welt. Durch sie kann die Welt unser Zuhause werden. Mit ihr regeln wir unser Zusammenleben. Eine Rechtsordnung gibt es nur in ihr und durch sie. Denn Recht wird gesprochen. Nur der sprachbegabte Mensch treibt Handel und tauscht Güter und Informationen mit Fremden. Sprache ist auch die Weise, in der wir uns zu uns selbst verhalten. Denken ist nicht gleich Sprechen, aber immer wieder kommen wir an den Punkt, wo wir uns selbst sagen müssen, was wir denken und was wir tun sollen. Darüberhinaus bezeugt die jüdisch-christliche Theologie Gott als einen, der spricht, und den glaubenden Menschen als einen, der zu seinem Gott spricht: Gebet als Zwiesprache. In der Sprache entdeckt der Mensch seine Freiheit und wird selbst zum Schöpfer. In ihr drückt sich unser Menschsein am klarsten aus.

Dieses Buch ist der Versuch, das Wunder der Sprache zu verstehen. Einblicke in das Werden der Sprache beim Kind bilden den faszinierendsten und schönsten Zugang zum Wesen der Sprache - und des mit der Sprache begabten Menschen. Sprache wird hier nicht (wovor schon Wilhelm von Humboldt warnte) "wie eine abgestorbene Pflanze", sondern in ihrer lebendigen Aneignung erforscht.

Räumen wir gleich mit dem universellen Vorurteil auf, daß Sprache allein Lautsprache sei. Gewiß: für sie ist der Mensch besonders begabt. Allein die Feinabstimmung der Sprech- und Atemmuskeln beim Hervorbringen von artikulierten Lauten gehört zu seinen komplexesten motorischen Leistungen. Sie stellt die muskelmotorische Koordination einer Violinvirtuosin oder eines Tennisspielers der Weltrangliste weit in den Schatten. Aber das geordnete Zusammenspiel von Atem und Sprechmuskeln ist nur die technische Seite von Sprache und kann durch andere, sekundäre Techniken ersetzt werden. Die Sprachlichkeit des Menschen ist nicht an den artikulierten Laut gebunden. Sie ist das Vermögen zur grammatischen Zeichenverwendung. Auch taube Kinder, taubblinde und Kinder mit angeborener Sprechlähmung können zur Sprache kommen.

Dieses Buch will zeigen, wie Kinder in die Sprache hineinwachsen, und damit Eltern, Großeltern und anderen Betreuern die Möglichkeit geben, die sprachliche und soziale - Entwicklung ihrer Kinder bewußter mitzuerleben. Was machen wir denn da, wenn wir mit unseren Kindern sprechen? Aber haben wir denn nicht alle einst sprechen gelernt, ohne daß unsere Eltern gelehrte Bücher darüber gelesen hätten? Die meisten Mütter wissen intuitiv, wie sie ihr Baby halten und auch, wie sie es ansprechen sollen. Die Natur hat in diesem Punkt wenig den Zufällen von Geburtszeit und -ort, von elterlichem Rang und Stand sowie elterlicher Schulbildung überlassen. Beide, Eltern und Kind, sind auf den Spracherwerb instinktmäßig vorbereitet. Welche Verhaltensbereitschaften hier spontan vorhanden sind, das versucht die Wissenschaft der Natur erst mühsam nachzubuchstabieren. Da wäre es töricht, so zu tun, als ob wir unbedingt wissenschaftlichen Rat bräuchten, um unsere Sprache erfolgreich an unsere Kinder weiterzugeben. Viele Mütter und Väter sind, wenn sie sich nur Kraft und Zeit für ihr Baby lassen, die geborenen Sprachlehrer - Sprachlehrer aus Intuition und keineswegs als studierte Fachleute.

Noch mehr aber sind unsere Kinder geborene Sprachlerner. Wenn wir ihnen das Sprechen systematisch beibringen müßten, wie man das etwa beim Violinspielen muß, würden sie es nie lernen - es jedenfalls nicht zu der mühelosen Selbstverständlichkeit bringen, mit der wir gemeinhin unsere Muttersprache benutzen.

Dennoch: Bei den rasanten Veränderungen unserer Lebensbedingungen ist fundiertes Basiswissen über unsere biologischen und kulturellen Grundlagen notwendig. Der mit dem Nobelpreis geehrte Verhaltensforscher Niko Tinbergen und seine Frau beklagen schon "das Verkümmern der Kunst der elterlichen Betreuung." Gerade in den ersten, prägenden Jahren eines Menschenlebens kann manches unaufholbar versäumt werden. Jüngste Meldungen über die Zunahme von Sprach- und Entwicklungsstörungen bei unseren Schulanfängern sind besorgniserregend. Wir müssen uns klar darüber werden, wie wichtig die frühen Jahre sind und was wichtig für unsere Kinder ist. Unser Hebel muß bei den Eltern ansetzen. Das Übel ist eine nur halb aufgeklärte Öffentlichkeit: nicht komplette Ignoranz, sondern die Tatsache, daß wir so manches zu wissen glauben, was einfach nicht stimmt. Deshalb protokollieren wir nicht nur den Spracherwerb und was sich um ihn herum abspielt, sondern bewerten ihn auch und geben Ratschläge.

Den wichtigsten Ratschlag geben wir gleich vorweg: Zuallererst müssen wir auf die Kinder hören. Das bedeutet zugleich vertiefte Hinwendung zum Kind. Wir lernen dabei nicht nur unsere Kinder besser kennen und verstehen, wir entdecken uns auch selbst als Eltern und finden heraus, wie wir von unserem Unbewußten geleitet werden, um dem Kind den Weg in die Sprache zu bahnen. Fundiertes Wissen erzeugt Verstehen. Verstehen erzeugt Liebe. Je mehr wir über unser Kind wissen - und über unsere Beziehung zu ihm - desto mehr werden wir es liebhaben. Liebe aber erzeugt ihrerseits Liebe. So kann das bessere Wissen um den Erwerb der Sprache ein Quell der Freude sein und zum Gelingen des Lebens beitragen.

Wie einst der große dänische Sprachforscher Otto Jespersen setzen wir uns eine biologisch- biographische Sprachwissenschaft zum Ziel. Der Spracherwerb sich normal entwickelnder Kinder wird durch die authentischen, von der Norm abweichenden Geschichten behinderter wie auch hochbegabter Kinder ergänzt und verdeutlicht. Mit diesem lebensgeschichtlichen, psychobiologischen Ansatz will das Buch in die fortlaufende Debatte um die Sprache und ihre Bedeutung für die Entwicklung des einzelnen und der Gattung eingreifen. Denn "das Geheimnis der Menschwerdung und Sprachwerdung sind eins" (Martin Buber). Neue Erkenntnisse haben den Menschen immer näher an das Tier herangerückt. Sie haben uns Bescheidenheit und Demut gelehrt. Dieses Buch hebt die Einzigartigkeit des Menschen hervor, gegründet in der Unvergleichlichkeit seiner Sprache. Erst das umstandslose Funktionieren grammatischer Sprache – dies ist eine zentrale These des Buches – ermöglicht die Freiheit menschlichen Denkens. Der kindliche Spracherwerb ist uns somit ein Schlüssel zum Verständnis des Menschen überhaupt. So wenden wir uns auch an Spezialisten, ohne deren zeitraubende Detailarbeit und raffinierte Methodik dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können. Vielleicht gefällt ihnen das Mosaik, zu dem wir die vielen bunten Steinchen ihrer Forschungen zusammengelegt haben.

Wissenschaftler sollten ihre Ergebnisse so formulieren, daß der gutwillig Interessierte sie nachvollziehen kann. Das ist die Bringschuld staatlich alimentierter Wissenschaft. So haben wir uns bemüht, ein Fachbuch weitgehend ohne Fachjargon zu schreiben.