(1998) "Unpopuläre Vorschläge zur Lehrerausbildung und zur Verbesserung der Schule". Pädagogische Rundschau 52, 197-209.
 


 

Vorbemerkung

Die folgenden (hoch)schulpolitischen Vorschläge beruhen weitgehend auf autobiographischen Reports von Studenten sowie auf Befragungen von Berufsschülern, Studenten, Lehramtsanwärtern und Lehrern der modernen Fremdsprachen. Berufsschüler und Studenten gaben Auskunft über ihre Schulzeit, Lehramtsanwärter über ihr Hochschulstudium und Lehrer über ihr Referendariat. Der Leser möge beurteilen, wie weit die Befunde über die modernen Fremdsprachen hinaus weitere Fächer betreffen. Das Projekt wurde dankenswerterweise unterstützt vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung in NRW, vom Arbeitsamt Aachen und von der RWTH Aachen. *

 

  1. Mehr Problemnähe: Reform der Erziehungswissenschaften und Unterrichtshospitation für Universitätslehrer
  2. Mehr Problemnähe: Unterrichts- und Hospitationswoche für Ministeriale und Schulaufsichtsbeamte
  3. Für eine Qualitätskontrolle und vergleichbare Standards
  4. Ausbilder der zweiten Phase müssen erneut studieren
  5. Schlechte Lehrer aus dem Schuldienst entfernen!
  6. Gute Lehrer stützen!
  7. Schluß
 

 

1. Mehr Problemnähe: Reform der Erziehungswissenschaften und Unterrichtshospitation für Universitätslehrer

Die Schule von heute steckt in Schwierigkeiten. Ein Stichwort möge genügen: sprunghaft ansteigende Jugendkriminalität, Jugendliche, die den turbulenten Leerlauf ihres jungen Lebens mit Giften betäuben. Wir haben alle davon gehört. Aber welche Universitätslehrer, die für das Lehramt ausbilden, kennen solche Jugendliche aus eigener Anschauung und haben sie unterrichtet? Hier haben wir ein Wirklichkeitsdefizit aufzuarbeiten. Der erste Adressat in einem solchen Fall sind natürlich die Disziplinen, die das erziehungswissenschaftliche Begleitstudium betreuen. Die Ergebnisse aus unserem Projekt sind erschreckend. Die Mehrheit der Lehramtsanwärter fällt ein vernichtendes Urteil:

"Bereitete das erziehungswissenschaftliche Begleitstudium Sie gezielt auf Ihren Lehrberuf vor?"
(n=588 ReferendarInnen)

Eine gewisse Skepsis gegenüber Befragungen ist immer angebracht: Haben es nicht Berufsanfänger generell schwer? Tendiert man nicht allgemein dazu, Sündenböcke für Schwierigkeiten zu suchen? Machen sich möglicherweise gerade diejenigen die Mühe, einen langen Fragebogen auszufüllen, die hier die Chance sehen, ihren Frust loszuwerden? Würden Lehrer mit einiger Berufserfahrung ihr Studium weniger kritisch beurteilen?
Trotz solcher skeptischen Vorbehalte führt wohl kein Weg daran vorbei: Wir müssen den am Begleitstudium beteiligten Wissenschaften die rote Karte zeigen. Waren die Erziehungswissenschaften nicht als verbindende Klammer gedacht, die dem Studium der Einzelfächer den Zusammenhalt geben sollte? Das Begleitstudium muß von Grund auf erneuert werden.
Aber dürfen die andern den Pilatus spielen und ihre Hände in Unschuld waschen? Vieles spricht ja dafür, daß z.B. Hochschulanglisten mit der Lernunlust und dem Lernversagen im Englischunterricht nur am Rande zu tun haben, da die Ursachen tiefer liegen und nicht Einzelfächer betreffen. Als Hochschullehrer überhaupt - statt als Spezialisten eines Faches - tragen wir jedoch alle eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Außerdem macht unsere Befragung klipp und klar, daß auch andere Disziplinen mehr für die Lehramtsstudenten tun müssen:

"Bereitete der literaturwissenschaftliche Teil Ihres Studiums Sie ausreichend auf den Umgang mit literarischen Texten im Unterricht vor?"
(n=594 ReferendarInnen)

"Bereitete der linguistische Teil Ihres Studiums Sie auf entsprechende Erfordernisse des Unterrichts vor?"
(n=332 ReferendarInnen)

Meine Folgerung: Alle Dozenten müssen eine eigene Anschauung vom Berufsfeld des Lehrers und seiner Arbeit in der Schule von heute haben. Die Hochschule als berufsausbildende Instanz darf sich dies nicht mehr leisten: das Rechten, Richten und Urteilen auf Distanz, ohne den shock of recognition, diesen Schock des persönlichen In-Augenschein-Nehmens. Wenn die Hochschulen Wortführer bleiben wollen, auch nur mitreden wollen über Studienpläne und Prüfungsordnungen, brauchen sie mehr Nähe zu den Problemen. In der Forschung mögen wir uns die Freiheit ausbedingen, ein Schrebergärtchen zu pflegen. Aber auch dies muß in gesellschaftlicher Verantwortung geschehen. Was die Freiheit der Lehre anbetrifft, so haben wir sie in der Vergangenheit oft (bewußt?) falsch verstanden oder doch zu großzügig ausgelegt. Hier brauchen wir einen breiten Zugang zur Wirklichkeit von Leben und Beruf - so wie ihn sich Humboldt in kürzester Zeit erarbeitete: „Ich hatte einen allgemeinen Plan gemacht“, schrieb er nach seinem Abschied aus dem Amt im Jahre 1810 an seine Frau Caroline, „der von der kleinsten Schule an bis zur Universität alles umfaßte, und in dem alles ineinandergriff, ich war in jedem der Teile desselben zu Hause, ich nahm mich des kleinsten wie des größesten, ohne Vorliebe, mit gleicher Tätigkeit an...“ (1). Wenn sich der Studienrat mit dem Lehrfach Englisch nicht in den Literaten, Linguisten, Länderexperten, Erzieher, Aufsichtsbeamten usw. zerstückeln kann, müssen auch seine auf ein Teilgebiet spezialisierten Ausbilder stets die Ganzheit dieses Berufs im Blick haben.
Ich belasse es nicht bei einem bloßen Appell, sondern stelle einen praktischen Vorschlag zur Diskussion: Jede Gewährung eines Forschungsfreisemesters sei verbunden mit einer Hospitationswoche an einer Schule bzw. an dem Betrieb, an der Behörde, an der Organisation, für die wir unsere Studenten hauptsächlich ausbilden. Wenn sich dabei Gelegenheiten ergeben, zu unterrichten, umso besser. Wir gehen in die Schule, um sie und die dort Tätigen zu begreifen.
Das wäre piecemeal engineering im besten Popperschen Sinne.Vor allem dürfen wir uns keinen Defätismus leisten, der auf unsere Studenten abfärben könnte. Das wäre die pädagogische Todsünde.
Ich wiederhole meine Argumentationskette:

  1. Die Schule steckt in Schwierigkeiten.
  2. Wir haben eine Teilverantwortung für die Schule.
  3. Um zu begreifen, was geschieht und zu tun ist, müssen wir den Arbeitsplatz der Lehrer und die Jugend von heute kennenlernen.

Übrigens: Werden nicht Mediziner in der Hauptsache von Klinikern ausgebildet, die noch jeden Tag am Krankenbett stehen?

 

2. Mehr Problemnähe: Unterrichts- und Hospitationswoche für Ministeriale und Schulaufsichtsbeamte

Am 2. Juni 1809, also während seiner Amtszeit, schreibt Humboldt aus Königsberg an Caroline in Rom:

Was ich tue, gewinne ich lieb und erweckt mein Interesse, und führt mich auch in mir weiter fort. Ich bringe jetzt manchmal ganze Vormittage in bloßen Elementarschulen zu. Bisher taten das die Minister nicht und blieben der Sache und die Sache ihnen fremd. Ich komme, ohne daß man es weiß, die Lehrer bleiben in Furcht, wenn sie schlecht sind, da ich, wie noch heute bei einem, der keinen Vers im Homer richtig übersetzte, mit frage und korrigiere, und finden sich durch den Anteil erfreut, wo sie gut sind. Dann ist's immer amüsanter, als Akten lesen. (2)

Diese Briefstelle gibt mir Mut, eine Anregung aufgreifen, die eine pädagogische Zeitschrift in den sechziger Jahren machte. Es wurde da vorgeschlagen, alle Aufstiegsbeamten im Umkreis von Schulverwaltung und L Lehrerausbildung sollten alle sieben Jahre auf ein halbes Jahr wieder als
‘gewöhnliche’ Lehrer mit normaler Stundenzahl unterrichten:

Durch die selbstverständliche und nicht aus der Welt zu schaffende Tatsache, daß man als junger Lehrer in der Praxis beginnt und daß man erst später dazu kommt, umfassend über Praxis zu reflektieren und Schule zu beaufsichtigen und zu verwalten, bekommen die unterrichtliche Tätigkeit leicht das Odium des Niederen, die Aufsicht und die Verwaltung den Glanz des Höheren. Unterricht und Schulehalten sollten aber immer das Wichtigste und das Ausschlaggebende sein... Der Mann an der pädagogischen Front, das Kollegium einer Schule, sie alle gewinnen ein neues Verhältnis zur Schulaufsicht, zur Lehrerbildung usw. dadurch, daß sie (a) für eine geraume Zeit mit einem Vertreter der Aufstiegsbeamten Seite an Seite arbeiten und daß sie (b) von ihm manche erhellende Einsicht über Verwaltung usw. nebenbei aus nächster Nähe, "von Kollege zu Kollege" erfahren. (3)

Vielleicht hat auch dieser Vorschlag mehr Aussicht auf Erfolg, wenn man das halbe Jahr auf eine Unterrichtswoche beschränkt.
Man wird sagen: Selbst zu einer Woche fehlt die Zeit. Die Antwort kann nur lauten: Die hohen Beamten beschäftigen sich anscheinend mit den falschen Dingen. Es dürfte auch jedem Kultusminister heute schwerfallen, einen Vorgänger wie den preußischen Minister Wilhelm von Humboldt einfach zu desavouieren. Ist nicht die Verbesserung der Schulen und damit des Unterrichts ihre oberste Aufgabe?
Außerdem empfehle ich einen Stellenabbau in der Schulverwaltung inklusive Schul- und Hochschulministerien zugunsten von Stellen für Lehrer aller Schulstufen - das wirksamste Mittel gegen die Flut von Erlassen und Verfügungen und die damit einhergehende Verrechtlichung, die insgesamt die Arbeit „vor Ort“ nur erschwert.
Übrigens: Wann wurde der letzte Fachvortrag eines Oberschulrats oder Referatsleiters im Ministerium auf Fachkongressen - etwa der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung - gehalten?

 

3. Für eine Qualitätskontrolle und vergleichbare Standards

Die Konservativen hatten sie eingeführt, Tony Blairs New Labour Regierung führt sie fort, die Leistungsbewertung der Schulen und Hochschulen. Einzelnen Schulen und Hochschulabteilungen droht das Aus. In Deutschland machen sich politische Magazine wie Spiegel und Focus mit den ihnen gemäßen Mitteln daran, eine Rangfolge der Hochschulinstitute zu erstellen. Die Spitzenreiter genießen ihre Position, die Schlußlichter haben nur Hohn für das Unternehmen übrig.
Weit davon entfernt, hier vorauseilenden Gehorsam zu üben, bin ich doch der Auffassung, daß ein Leistungsvergleich von Schulen und Hochschulen prinzipiell eine gute Idee ist und in Teilbereichen besonders sinnvoll und ohne größeren Aufwand durchführbar ist. So könnten die Englisch- und Französischkenntnisse von Hauptschulabsolventen, Abiturienten und Studenten der Anglistik und Romanistik sehr wohl zentral überprüft und benotet werden.
Die zu erbringenden Leistungen können durch geeichte, standardisierte Sprachtests überprüft werden, etwa in Anlehnung an das britische Cambridge Certificate oder den amerikanischen Test of English as a foreign language (TOEFL) oder auch an die im Bundeswettbewerb Fremdsprachen erprobten Formen. Damit wird für diesen Bereich nicht nur die Vergleichbarkeit der Standards und Noten an Schulen und Hochschulen garantiert; es wird auch offenkundig, was die Institute hier leisten oder nicht leisten.
Dies heißt nun nicht, daß ein solcher Test schon alles sein muß, was wir einem Abiturienten im Fach Englisch abverlangen. Aber doch das Notwendigste. Jeder deutsche Wissenschaftler muß sich heute in klarem und gutem Englisch artikulieren können, so wie es für seine holländischen und skandinavischen Kollegen längst selbstverständlich ist. Daher muß jeder Abiturient sein Studium mit soliden, wohlgeübten und objektiv ürberprüfbaren Englischkenntnissen antreten. Englisch muß von einer Fremdsprache zur Zweitsprache avancieren.
Ein positiver Nebeneffekt standardisierter Tests: Die Lehrer in Schule und Hochschule werden bei den Abschlüssen teilweise davon entlastet, den eigenen Schülern durch die Benotung Sozialchancen zuzuweisen. Sie werden zwangsläufig zu Verbündeten der Schüler. Beiden Parteien ist daran gelegen, daß die Hürden einer anonymen Zentralprüfung genommen werden. Zudem sollte, wo es nur eben geht, vermieden werden, daß sich Lehrer (und auch Schulen) durch die Zensuren, die sie erteilen, indirekt auch selbst Erfolg oder Mißerfolg bescheinigen. Wer die Qualitätskontrolle seines Unterrichts selbst durchführt, kann durch großzügige Notengebung kaschieren, daß er weit unter Niveau unterrichtet und sich außerdem lästigen Einspruch vom Hals schaffen.
In der gymnasialen Oberstufe werden Schüler dann solche Lehrer bzw. Kurse wählen, die sie auf die Sprachprüfungen am besten vorbereiten, und das heißt in der Regel, bei denen sie am meisten lernen. Ein guter Lehrer bekommt ein wenig die Aura eines Erfolgstrainers oder auch des Stardirigenten, der seinem Orchester große Aufführungen und Plattenhonorare verschafft. Für die besseren wird es viel leichter, menschlicher Begleiter von Kindern und Jugendlichen sowie Freund und Förderer aller Schüler zu sein. Auch für den Durchschnittslehrer wäre dies ein Anreiz, sich mehr anzustrengen, da die Anstrengung für alle sichtbar wird.
Daß es selbst in diesem überschaubaren, gut meßbaren Bereich sehr unterschiedliche Standards gibt, hat eine britische Studie zutage gefördert, in der die Sprachkenntnisse von 3000 Studierenden moderner Fremdsprachen anhand eines modernen Sprachtests ("C-Test") überprüft wurden. Es ist nicht ohne weiteres einzusehen, daß deutsche Hochschulen hier eine rühmliche Ausnahme bilden:

There are considerable discrepancies between the average proficiency of students at the same notional level of study but in different institutions... Finding such enormous inter-institutional discrepancies, I was prompted to call for the linguistic outcomes of university language courses to be defined and quantified, both in terms of course objectives made available to students, and of certificates detailing proficiency levels achieved. My suggestion that the existing tradition of degree classification was inadequate has since been echoed in an authoritative report on Britain's universities. (4)

Eine weitverbreitete Ignoranz unter Hochschullehrern bezüglich der Praxis und Theorie des Testens, die aus der eben genannten Studie ebenfalls hervorgeht, ist wohl schuld daran, daß wir uns an den Hochschulen immer noch mit der Übersetzungsklausur zufriedengeben.

 

4. Ausbilder der zweiten Phasen müssen erneut studieren

Die Lehrerausbildung ist nicht allein Sache der Hochschulen. An das Studium schließt sich als zweite Ausbildungsphase das Referendariat an. Auch hier liegt einiges im Argen.

"Würden Sie das Referendariat als Phase der gelungenen 'Professionalisierung' bezeichnen?"
(n=473 Lehrkräfte moderner Fremdsprachen)

Mein Verbesserungsvorschlag: Wer als Fachleiter Referendare ausbildet, sollte ein Ergänzungsstudium absolviert haben. (5) So könnte der stärkere Praxisbezug der Hochschullehrer mit vertieften theoretischen Kenntnissen bei den aus der Praxis hervorgegangenen Fachleitern verbunden werden. Bisher sind Fachleiter bei der Vorbereitung auf ihre Aufgabe ganz auf sich allein gestellt. Dabei kennen sie - abgesehen von der eigenen Referendariatszeit - in der Regel nur den eigenen Unterricht, nicht einmal den der Fachkollegen an der eigenen Schule. Später sehen sie nur den Unterricht der Adepten, die sie selbst in die Praxis einführen. Es darf aber nicht sein, daß Fachleiter nur das selbst erprobte methodische Repertoire weitergeben. Fakt ist, daß wissenschaftliche Studien übereinstimmend „die methodische Monostruktur“ des alltäglichen Unterrichts beklagen. (6) Dieser Befund wird auch in den studentischen Berichten über ihre Schulzeit gespiegelt:

My teacher was absolutely incapable of speaking French as well as of teaching it. The French lessons were unbearable and boring, and instead of improving my French in the 'Leistungskurs', I forgot a lot of it during those three years. (Judith H.)
A few months later at school I gave up learning English. Up to that time all of my English teachers had been boring people. Somehow it was not possible for them to fill the lessons with enthusiasm. (Kerstin B.)
My second teacher was a complete catastrophe. He never prepared his lessons and so it is easy to imagine how his lessons were either boring or else ended in chaos. Nobody said a word in his lessons and as a revenge his class tests were very difficult. (Karin K.)
I cannot even remember one single encouraging event or occasion in the English lessons of the 'Mittelstufe'. The only thing I remember is the fact that they were extremely boring. (Anthony W.)

In einer Befragung von Mittelstufenschülern an hessischen Gesamtschulen und Gymnasien waren folgende Schüleräußerungen typisch: „Es wird stur nach dem Buch gearbeitet“ und „Der Unterricht ist langweilig, immer wieder dasselbe: Stück wird durchgenommen, abschreiben, Vokabeln abfragen usw.“ (7)
Das hier vorgeschlagene Aufbaustudium ist allerdings nicht zum Nulltarif zu haben. Es kostet Geld, weil tüchtige Lehrer für ein halbes Jahr mindestens teilweise vom Unterricht befreit werden müssen. So werden manche Kultusminister zögern. Aber auch Humboldt zögerte, bevor er das Amt als geheimer Staatsrat und Direktor der Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts in Preußen annahm. „Was läßt sich jetzt im Preußischen tun, wo man so wenig Mittel hat?“ schrieb er an Caroline am 16. November 1808. (8) Die politische und wirtschaftliche Situation war damals wahrhaft bescheiden. Nach den Niederlagen gegen Napoleon hatte Preußen Gebietsverluste hinnehmen müssen und hatte nur noch Vasallenstatus; der Hof war von Berlin nach Königsberg verlegt worden. Aber Humboldt trat das Amt schließlich an und leitete in kürzester Zeit Reformen ein, die bis heute nachwirken.
Im übrigen kann es auch der Hochschule nur guttun, sähe man sich dort einmal gestandenen Praktikern gegenüber, die Themen und Thesen unnachsichtig auf ihren praktischen Nutzen abklopfen würden.

 

5. Schlechte Lehrer aus dem Schuldienst entfernen!

In allen Berufssparten gibt es schwarze Schafe. Besonders verheerende Auswirkungen hat dies bei Ärzten und Lehrern. Bei Ärzten liegt dies auf der Hand. Auch hier ist es schwer, das naheliegende zu tun, nämlich die unfähigen Ärzte aus dem Dienst zu entlassen. "Die Arbeitsplatzgarantie des öffentlichen Dienstrechts“, so war es in der ZEIT vom 18.7.97 zu lesen, "führt dazu, daß die motivierten und fähigen Mitarbeiter in den Krankenhäusern eine Menge von Fußlahmen mitschleppen, sagt der Unternehmensberater. Das zeige sich am hohen Krankenstand - und manchmal gar in medizinischer Inkompetenz der praktisch unkündbaren Ärzte."

"Erinnern Sie sich an einen guten Englischlehrer?"
(n=1783 BerufsschülerInnen)

"Erinnern Sie sich an einen schlechten Englischlehrer?
(n=1794 BerufsschülerInnen)

Während die von uns befragten Berufsschüler hauptsächlich von Real- und Hauptschulen kommen, beziehen sich die Studenten ganz überwiegend auf das Gymnasium. Die Antworten stimmen überein. Ein Unterschied zwischen den Schulformen ist nicht zu erkennen. Dabei haben wir diesmal in der Frage deutlich gemacht, daß es wirklich nur um ausnehmend gute wie um auffallend schlechte Lehrer geht.

"Would you say that you had at least one very good modern language teacher from whom you learned a great deal and whose lessons you enjoyed?"
(n=1723 Students of English and technical courses of studies)

"Did you, on the other hand, have a poor modern language teacher, who discouraged and demotivated you, e.g. a teacher who maybe even undid the good work of others?"
(n=1703 Students of English and technical courses of studies)

Karl Popper hat einen Vorschlag gemacht, wie man die Schule verbessern könnte: Sie muß die unglücklichen Lehrer loswerden: „Indem ich damals über meine eigenen Erfahrungen als junger Lehrer an schlechten Schulen nachgedacht habe, bin ich draufgekommen, daß es das Wichtigste ist, schlechten Lehrern in der Schule die Möglichkeit zu schaffen, die Schule zu verlassen.“ So haben inzwischen auch die Briten Maßnahmen ergriffen, um die Entlassung unfähiger Lehrer zu beschleunigen.
Sir Karl erläutert: Solange viele Lehrer verbitterte Lehrer sind, verbittern sie die Kinder und machen die Kinder unglücklich.“ (9) Als ehemalige Schüler und Eltern von Schülern haben wir wohl alle einschlägige Erfahrungen. Eine mit persönlich bekannnte junge Lehrerin wechselte nach einem Jahr die Schule und nahm dabei einen viel längeren Schulweg in Kauf. Sie erklärte: „Ich konnte es da nicht mehr aushalten. Es herrschte eine völlig negative Atmosphäre im Lehrerzimmer. Ich konnte mir nicht mehr mit anhören, wie die Schüler nur noch heruntergemacht wurden.“
Im Gespräch mit Referendaren traf ich öfter auf solche, die sich über einzelne Lehrer mit einer völlig negativen Grundeinstellung zu ihrem Beruf empörten. Die Berufsanwärter - die drohende Arbeitslosigkeit vor Augen - waren entsetzt über das ewiges Geschimpfe über Schüler und Schule. Dankbarkeit dafür, daß sie eine krisensichere, ja unkündbare Stellung mit einem guten Gehalt haben, sei bei diesen Lehrern nicht zu finden.
Zur Ergänzung einige typische Zitate aus Aufsätzen, in denen Anglistikstudenten über ihre Schulzeit berichten:

"She simply took the fun out of learning." (Stephan P.)
"He didn’t try to conceal that he hated his job and the school. Sometimes he warned us against becoming a teacher. He tried to play up to us by talking about other teachers behind their backs. But that didn’t work because among those teachers there were some whom we liked, and as a result it was our English teacher who we hated most." (Gabriele S.)
"I recall four different English teachers of whom the first one never spoke English in the classroom except when it was required in the textbook, the second one could not cope with teaching. She left the school three months after she had taken over my class, the third one had a nervous breakdown and the fourth one, who taught French as well, spoke a mixture of English and French respectively, beginning a sentence in English and finishing it 'en français'." (Melanie J.)
"I will always remember our last lesson after the Abitur exams. After the bell had rung I just thought ‘Thank God, I will never have anything to do with English again.“ (Bettina S.).

Wie Bettina dann doch zum Englischstudium gekommen ist, das ist eine andere Geschichte.
Der Politik ist das Problem träger und unfähiger Lehrer nicht unbekannt, und sie versucht es mit untauglichen Mitteln zu lösen. Das Schlimmste, was heutzutage völlig unfähigen Pädagogen passieren kann, ist: Sie werden versetzt. Als "Wanderpokale" belästigen und belasten sie neue Schüler und neue Kollegen - vierzig Dienstjahre lang. Wir dürfen dies nicht länger hinnehmen.

 

6. Gute Lehrer stützen!

Gewiß ist dies eine Negativauslese. Wie schon aus der Befragung hervorgeht, müßte es ebenso viele positive Äußerungen über tolle Lehrer geben. Und die finden sich auch in den Aufsätzen der Studenten:

Today I want to become a teacher, too, and I often think of what I learned from this woman: that the most noble and prominent duty of the teacher is to encourage the pupils to be who they are. (Robert P.)
He was a very lively, gifted teacher who was really interested in what he did. He was able to make us share his enthusiasm and by doing that he created good conditions for a positive working atmosphere. He endeavoured to keep fun and seriousness in balance to make learning pleasant. (Regina T.)
Our teacher at this period also taught history and seemed to be absolutely dedicated to this subject. He connected English classes with historical items whenever possible. For the first time, I had the impression that someone was giving English lessons not for their own sake, but to convey something going far beyond the normal foreign language instruction. It was absolutely fascinating and I can honestly say that there were classes in which we forgot that they were not held in our native language. We did not use a coursebook anymore but all subscribed to TIME Magazine. We prepared really interesting articles dealing with politics, music, cinema, art or other topics, at home and talked about them in the next lesson. We were all impressed by what our teacher knew about the background of the stories. We gained so much general education that I felt treated like an adult in school, and this feeling made applying the second language so much more natural and easy. The atmosphere was so relaxed that lessons became like discussions with friends, which I had definitely never thought possible. (Holger Z .)

Vergessen wir also nicht, welch großartige Leistungen viele Lehrer täglich erbringen - und das, obwohl die Arbeit immer schwerer wird: "Wer Tag für Tag Stunden vor einer lärmenden Truppe von bis zu 33 Halbwüchsigen steht, muß jeden Augenblick voll da sein. ‘Dauernd muß man den eigenen Führungsanspruch deutlich machen, sagt der Nürnberger Hauptschullehrer Reiner Mehler, 38, ‘wer das nicht schafft, wird bald von seiner Klasse mit dem Zettel in der Hand zum Einkaufen geschickt.’" - Lehrersein ist ein Beruf, der - heute weniger denn je - keine Halbheiten verträgt.
Statt aber Lehrer zu stützen, gefällt sich die Schulverwaltung darin, ihre Arbeit und Arbeitszeit immer stärker zu reglementieren und mit ihrer Regelungswut auch die vielen guten und gewissenhaften Pädagogen zu drangsalieren, die die formalen Vorschriften nicht brauchen und von ihnen nur eingeengt werden. Vielleicht bekommt auch kein Berufsstand wie die Lehrer so sehr die Schieflage einer Gesellschaft zu spüren, in der die Ansprüche des Einzelnen mehr gelten als Pflichten, in der Frechheit siegt, Schamlosigkeit in den Medien gefeiert und Erziehung im Prinzip als Anmaßung empfunden wird. Wenn ein Autofahrer dem andern den Vogel zeigt, hat er mit einer saftigen Geldstrafe zu rechnen. Lehrer aber müssen sich heute dies und viel mehr noch von Kindern und Jugendlichen gefallen lassen, ohne dagegen wirkungsvoll einschreiten zu können. Hat man auch einmal daran gedacht, welchen Effekt es auf die vielen anderen hat, die miterleben, wie sich Agressionen auszahlen? Wie hat es dazu kommen können? Ich werde den Verdacht nicht los: Die Politiker, die wohl wissen, wie sehr sie die nachfolgenden Generationen zugunsten der eigenen belasten (z.B.: Wann werden ebenso viele Arbeitende ebenso viele Rentner mitzuverorgen haben!?), wollen sich freikaufen, indem sie den Jüngeren alles gestatten. Sie werden ihre Kinder nur noch schneller in den Ruin treiben.

 

Schluß

Man kann da machen, was man will: Wenn heute mehr Lehrer ausgebildet als eingestellt werden, ist damit die Lehrerausbildung ein Stück entwertet. Dies entbindet nun aber ganz und gar nicht von der Pflicht, Lehrer optimal auszubilden, oder auch nur das Thema niedrig zu hängen. Wir brauchen gebildete und gut ausgebildete Lehrer, und werden sie immer brauchen.
Meine Vorschläge sind (hoch)schulpolitischer Natur. Sie sollen inhaltlichen und hochschuldidaktischen Reformen den Weg ebnen. Es fehlt heute nicht am Konsens derer, die sich ernsthaft mit der Lehrerausbildung befaßt haben. Die Diskussion ist nie abgerissen. Der Weg, der zu gehen wäre, ist abgesteckt. Wie wenig weicht mein Problemabriß etwa von der Analyse Helmut Sauers aus dem Jahre 1968 ab!
(10) Wir müssen endlich mehr Energie und Beharrlichkeit, auch mehr Phantasie und List in die Öffentlichkeitsarbeit und politische Durchsetzung stecken. Die verantwortlichen Minister erinnern wir noch einmal an Humboldt, der bei seinem Amtsantritt wohl wußte :„Gelehrte zu dirigieren, ist nicht viel besser, als eine Komödiantentruppe unter sich zu haben“, und doch in sechzehn Monaten Amtszeit so viel erreichte. (11) Tun Sie bitte mehr, als die Mängel zu verwalten und zu kaschieren! Man kann nicht etwas für richtig halten und dann nicht tun wollen. Wir unterstellen niemand böse Absichten; zu bekämpfen aber ist der Teufel der Schlamperei, der Gedankenlosigkeit, der Herzensträgheit, der Konvention und Routine.


 

Anmerkungen
 
* Ich danke außerdem meinen Projektmitarbeiterinnen Maria G. Schönwald und Dr. Ulrike Simon.

1. Anna von Sydow (Hg.): Wilhelm & Caroline von Humboldt in ihren Briefen. Band 3, Briefe aus Rom und Berlin-Königsberg 1808 - 1810. Berlin 1909, S. 444

2. Ebd. S. 172

3. H. Chiout: Eine (vielleicht) unpopuläre Empfehlung (S. 375-377). In: H. Becker, et al (Hg.): Neue Sammlung - Göttinger Blätter für Kultur und Erziehung, 7. Jahrgang, Göttingen 1967, S.377.

4.James A. Coleman: Progress, proficiency and motivation among British university language learners, CLCS Occasional Paper No. 40, Trinity College Dublin: Spring 1995, S. 10

5. Vgl. Wolfgang Butzkamm: Wie bekommen wir bessere Lehrer? Ergänzungsstudien für Fachleiter und Ausbildungslehrer. In: Neusprachliche Mitteilungen 1 (1987), S. 6-9.

6. Hage, K., u.a.: Das Methodenrepertoire von Lehrern. Eine Untersuchung zum Schulalltag der Sekundarstufe 1. Opladen: Lesk und Budrich 1985; J.I. Goodlad: A Place Called School. Prospects for the Future. New York 1984, S. 298

7. Henning Düwell: Fremdsprachenunterricht im Schülerurteil. Tübingen 1979, S. 210

8. Anna von Sydow 1909, S.19

9. Karl R. Popper und Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen. Das Altenberger Gespräch. München 1985, S. 117

10. Helmut Sauer: Das Studium des Faches Englisch an Pädagogischen Hochschulen. In: Die Deutsche Schule, 4 (1968), S. 231-243.

11. Anna von Sydow 1909, S.19