(1977)"Semantik und Semantisierung". Linguistik und Didaktik 30, 101-118.
 

Semantik und Semantisierung


 

1. Einleitung

Eine in der Fremdsprachendidaktik häufig verwendete Argumentationskette lautet:

1. Sprachen sind keine Nomenklaturen oder Etikettensammlungen für die Dinge der Welt. Sprachen haben weltbildende Kraft. Sie ordnen Welt auf je eigene unverwechselbare Weise und konstituieren somit erst die Dinge.
2. Die weltordnenden Zugriffe der Sprache bilden jeweils ein System gegenseitiger Bedingtheiten und Abhängigkeiten, das aus sich selbst heraus erfaßt werden muß.
3. Eine Fremdsprache soll daher im Unterricht durch sich selbst dargeboten werden. Jede Zuhilfenahme der Muttersprache ist im Grunde Verfälschung.

Ich habe versucht, diese traditionelle Argumentationskette an ihrem schwächsten Glied zu durchbrechen (Butzkamm 1973), nämlich bei der direkten, unvermittelten Ableitung unterrichtsmethodischer Grundsätze aus Erkenntnissen über das Wesen der Sprache. In dieser Arbeit will ich aufzeigen, wie auch die sprachtheoretischen Aussagen zu 1. und 2. präzisiert und korrigiert werden müssen. Dabei verfolge ich die Absicht, linguistische Begründungskomplexe der Sprachlehrmethodik kritisch zu durchleuchten. Es soll die Einseitigkeit bestimmter Semantiktheorien oder besser: die einseitige Rezeption semantischer Theorie seitens der Fremdsprachendidaktik herausgestellt werden. Ich nehme bewußt eine neue Einseitigkeit in Kauf, um eine deutliche Gegenposition herauszusarbeiten.

2. Saussures "amorphe Masse"
3. Die Abbildungsfunktion der Sprache
4. Der onomasiologische Gesichtspunkt
5. Die weltbildende Kraft der Sprache
6. Differenz und Kommunalität in der Theorie der Semantisierung